Romano Guardini Online Konkordanz
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dauert, nicht zugleich und unmittelbar bewußt sein. Dieses Gesetz darf folgendermaßen angewendet werden: Je ursprünglicher und kraftvoller das seelische und damit auch das religiöse Leben eines Menschen ist, desto weniger wird er sich im allgemeinen dieses Lebens bewußt sein. Also: Je gesünder und ungebrochener der religiöse Mensch lebt, desto mehr wird sein Leben durch unmittelbare Akte in den Gegenständen des Glaubens aufgehen; um so weniger wird er sich darüber Rechenschaft geben, daß und warum er sich religiös betätigt.
Diese natürliche Neigung des seelischen Lebens, ohne besondere Reflexion im unmittelbaren Verhalten aufzugehen, ist im Gebiet des Religiösen besonders begründet, denn dessen Gegenstand, der unendliche Gott, ist geeignet, die ganze Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wenn nur das innere Leben kräftig genug ist, dann neigt der Gläubige ohne weiteres dahin, seine Tätigkeit als solche zu übersehen und Gott in den Mittelpunkt seines religiösen Bewußtseins treten zu lassen. (Theozentrisches Leben.)
Dies die ursprüngliche Form des religiösen Verhaltens. Leicht tritt aber auch eine zweite hervor. Zur Erläuterung ein entsprechender Tatbestand aus anderem Bezirk des Seelenlebens. Die Erkenntnistätigkeit ist zunächst eine unmittelbare. Wahrnehmen und Denken streben, die Umwelt zu erfassen. Ist aber ein gewisses Alter erreicht, so setzt ein anderes Interesse ein. Der Mensch beginnt, sich seiner Denktätigkeit selbst bewußt zu werden, nach deren Bedeutung, Tragweite, Grenzen und Fehlerquellen, Methoden usw. zu fragen. Solche kritische Bewußtheit ist das Zeichen einer gewissen Reife. Sobald der Erkenntnistrieb sich am äußeren Gegenstand ausgetobt und mit einer hinreichenden Menge von Erkenntnisstoffen gesättigt hat, fängt er an, sich auf sich selbst zurückzuneigen; er nimmt das eigene Vorhandensein und Verhalten zum Gegenstand und beginnt daran Kritik zu üben.
Das gleiche gilt für das religiöse Seelenleben. Auch hier wird der Mensch auf einer gewissen Stufe der Reife (gelegentlich auch schon früher) zu einer kritischen Bewußtheit seiner selbst zu

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