Romano Guardini Online Konkordanz
Treffernummer:

 < Seite 355> 


menschenwürdigen Lebens empfindet; daß er im Gegenteil sich erleichtert fühlt, wenn ihm die Anstrengung des freien Daseins, das Existieren aus eigener Verantwortung abgenommen wird.
*
Nun ist aber die Freiheit, als Anlage und Ausgangspunkt wie als Wert und Aufgabe, dem Menschen wesentlich. So entsteht die Frage, ob es nicht verschiedene Formen der Freiheitserfahrung und des Freiheitsvollzugs gebe; ob also die Feststellung, der heutige Mensch sei an der Freiheit uninteressiert, nicht ein Sehfehler sei; ob nicht vielmehr gesagt werden müsse, daß es eine bestimmte Form der Freiheitshaltung ist, die ihn nicht mehr anspricht, weil die von ihm erfahrene sich von ihr unterscheidet.
Die uns – also den Älteren – vertraute Art der Freiheitshaltung besteht im Willen, aus der eigenen Mitte heraus zu leben; das Dasein aus persönlicher Entscheidung aufzubauen und dafür die Verantwortung zu tragen; in der Überzeugung, daß sich darin nicht nur das eigene Wesen voll verwirklichen, sondern die individuelle Existenz in Einklang mit den allgemein gültigen Normen kommen werden. Dafür aber ist die Demokratie – das Wort für die Struktur des ganzen Daseins gemeint – die gemäße Form.
Demgegenüber scheint eine andere Erfahrung denkbar. Für sie wäre Freiheit gerade das Wegkommen von sich selbst und das Aufgehen in der jeweils fordernden Ganzheit, von den individuellen Bezügen zwischen Mensch und Mensch aufwärts zu den jeweils umfassenderen soziologischen Ordnungen bis schließlich zu der des Staates, dessen Leben und Leistung. Diese Freiheitshaltung würde die soeben beschriebene Demokratie als unernst, zuchtlos und der Größe der kommenden politischwirklichen Aufgaben gegenüber unzulänglich empfinden.
Wenn das so wäre, dann käme es darauf an, diese Freiheitsvorstellung zu reinigen und von der Person her durchzudenken. Letzteres deswegen, weil es scheint, daß sie der totalitären Anschauung

 < Seite 355>