Romano Guardini Online Konkordanz
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so voller die allseitige Lebenseinheit des Gegenstandes hervortreten, je wahrhaftiger und entschlossener jeder der Unterredenden eignes Sein und Sehen zur Geltung bringt.
So darf ich wohl hoffen, kein Leser werde mißbilligend feststellen, was der eine im Gespräch sage, sei übertrieben, und was der andere, einseitig. Freilich ist's übertrieben; freilich einseitig, vielleicht falsch. Dafür steht es eben nicht in einer Abhandlung, sondern in einem Gespräch! Sollte allerdings jemand nicht vertragen, daß die Leute darin deutlich heraussagen, was sie meinen und fühlen; sollte er an dem leiden, was Tissot in seinem »Geistlichen Leben« die »Bleichsucht des Geistes« nennt, dann weiß ich dagegen leider kein Mittel und muß ihm anheimgeben, wie weit er in Entrüstung geraten will.
Sachlich soll noch bemerkt sein, daß die Anschauungen des dritten Unterredners natürlich in keiner Weise Wesen und Bedeutung der Herz-Jesu-Verehrung erschöpfen und noch weniger ihre tatsächlichen Äußerungen. Sie öffnen nur einen Zugang, von dem aus sie verstanden werden kann. Auch wird hinreichend deutlich werden, daß hier jene Verehrung nicht bloß für sich, sondern zugleich als starke Verkörperung einer die ganze Geschichte der christlichen Frömmigkeit durchziehenden religiösen Grundhaltung steht, die wir vielleicht nicht allzu ungenau die mystische nennen dürfen.
Der Caritassekretär: Gut, daß ich Euch treffe. Ich muß mir etwas von der Seele reden. Geht Ihr hinaus?
Der Gelehrte: Ja. Paul hat mich von den Büchern weggeholt. Er ist gerade am Erzählen von einem seiner Arbeiterjungen. Den haben vorgestern die Größeren in der Fabrik übel zugerichtet, weil er ihnen widersprochen hat, als sie über Religion spotteten ... Mir war's, als sei ich im Urchristentum, als Du erzähltest, wie der kleine Hans für den Herrn Zeugnis abgelegt hat.
Der Kaplan: Ja, es muß gewesen sein wie damals in Jerusalem, als Stephanus unter den Tobenden stand und »sein Angesicht leuchtete wie das eines Engels« ...Die Zeiten wenden sich! Der Geist weht! Der alte Norbert, ein Heizer in der Fabrik, hat

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