Romano Guardini Online Konkordanz
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Geist hat Jesus gesagt: »Er wird vom Meinigen nehmen und euch geben« (Joh 16,14); das »Seinige« aber ist vor allem Er selbst. (Vgl. auch Joh 6,39ff) Um diese Gnade müssen wir bitten.
Dann aber und vom theologischen Denken her gesehen, hat die Erkenntnis Jesu Christi eine gedankliche Voraussetzung, das ist die Einsicht, daß Jesu Leben nicht die Verwirklichung eines von vornherein feststehenden Programms, sondern echte Geschichte ist. Freilich Geschichte besonderer Art, gott-menschliche. Darin tritt der ewige Gottessohn aus göttlicher Freiheit an den Menschen heran – den Menschen, dessen Freiheit zwar, als menschliche, und unter der Wirkung der Schuld, jeder Fragwürdigkeit unterliegt, aber eben doch Freiheit ist, das heißt, die Möglichkeit, zu Gottes Anruf »Ja«, aber auch »Nein« zu sagen.
Die ganze Geschichte des Alten Testaments ist auf das Kommen des Messias zugegangen, der die Fülle der Erlösung bringen und das Reich Gottes verwirklichen sollte. Diese Verwirklichung setzte aber auch die Entscheidung des Menschen voraus; und zwar Jener, die sich am Sinai Gott als Sein Volk verpflichtet hatten und hierin stellvertretend für die Menschheit überhaupt standen.
Die Entscheidung ist negativ gefallen; das berufene Volk bzw. seine Führer haben den Gekommenen und seine Botschaft abgelehnt, ja Ihn – soviel an ihnen lag – vernichtet. Damit ist geschehen, was nicht geschehen durfte, auch für den Vollzug unserer Erlösung nicht zu geschehen brauchte. Daß es so war, darf durch nichts verdeckt werden, auch nicht durch Gottes Treue, die den Empörer nicht losgelassen, vielmehr dessen Feindschaft zur Verwirklichungsform Seines Erlösungswillens gemacht hat.

II.
Der gezeichnete Zusammenhang muß im Ernst des Glaubens durchdacht werden, sonst wird die Schuld der Empörung gegen den Erlöser, in welcher alle Menschen solidarisch sind,

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