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Über das Wesen des Kunstwerks
[1947]

Vorbemerkung
Der hier veröffentlichte Vortrag wurde in der Stuttgarter Akademie der bildenden Künste gehalten. Sein Gegenstand ist so groß, daß der Verfasser sich bei der letzten Bearbeitung immer wieder gedrängt fühlte, die einzelnen Gedanken weiter zu entwickeln. Das hätte aber zu einem Buch geführt; so wurden nur, um den Blick auf das Ganze des Kunstwerks zu erweitern, zwei kurze Abschnitte, der dritte und der sechste, hinzugefügt und außerdem einiges, das zu sehr den Charakter der Andeutung hatte, klarer herausgestellt.
Im übrigen ist der Vortrag so geblieben, wie er gehalten worden ist.
Tübingen, im August 1947

Die Frage
Der Titel des Vortrags könnte Verdacht erwecken, denn es ist doch offenbar unmöglich, in so kurzer Zeit ein so vielschichtiges Gebilde wie das Kunstwerk zu untersuchen. So soll gleich zu Anfang ausgemacht sein, daß es sich vor allem um den Ausdruck einer Frage handelt, die jedem kommt, wenn er eine Weile mit Kunstwerken umgegangen, und die ihm immer wieder aufs neue kommt, auch wenn er schon lange mit ihnen vertraut geworden ist – der Frage nämlich, was dieses seltsame Ding sei, das so unwirklich ist und doch so wirksam; so herausgenommen aus dem gewöhnlichen Dasein und doch so tief das Innerste berührt; so überflüssig vor allen praktischen Maßstäben und doch so unentbehrlich jedem, in dessen Leben es einmal eingegangen ist? Was aber die Antwort angeht, so kann es sich nur

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