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Tagebuch - Im Engadin Unbändig war der Morgen. Gewalt von Herrlichkeit stand in der Welt. Wie habe ich begriffen, daß die Schönheit »hervorbricht gleich Heeressäulen«! Aus den dunkel leuchtenden Gestalten der Berge, aus jeglichem Ding im Wunder dieses Lichtes fiel sie das Herz an. Die Sonne stand in der Höhe und - doch es gibt in der deutschen Sprache kein Wort dafür. Sfolgorava, sagt das Italienische. Sie ging in Blitzen. Sie war ein Ausbruch von langen, einander sengend durchfaltenden Strahlenblitzen. Das war die Sonne, die ein erschreckendes Geheimnis, tötende Herrlichkeit ist. Unter den Zeichnungen van Goghs gibt es eine von Saintes-Maries aus dem Jahre 1888. Sie zeigt auf einem Hügel eine Stadt; von ihr her zum Betrachtenden gehen Weinberge; der Himmel darüber ist ganz erfüllt von einer riesenhaft glastenden Sonne. So war es, und ich habe begriffen, wie der Mensch erschrocken und jubelnd in dieser Sonne Unirdisches erblickt und anbetet. Es gibt mancherlei Weisen, Raum und Weite zu spüren. So vor der Ebene, wenn Baum und Haus und alles Menschenwesen sich nur wie kleine Anhäufungen erheben, und über allem der große Himmel steht; in ihm vielleicht aufgetürmte Wolken, wie Ruysdael sie gemalt hat. Oder vor dem Meere, mit seiner ungeheuren, leise nach hinten sich krümmenden Fläche, und über ihm die leere Höhe. Mir kommt Raum und Weite am stärksten zu Gefühl, wenn ich hier an der einen Seite dieser Bergtäler sitze. Der Hang gleitet hinab; erreicht die Sohle drunten, wo milchweiß der Bach braust; dann geht es wieder hinauf, hinüber. Zwischen mir und dem Hang dort auf der anderen Seite aber spannt sich der Raum. Ich spüre ihn, ermesse ihn, und er wird von dem fortgehenden Rauschen gefüllt. | ||
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