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Shakespeares "Kaufmann von Venedig" Ein Brief Lieber Freund, hätten Sie etwas dagegen einzuwenden, wenn wir unser gestriges Gespräch noch ein wenig weiterführten? Nachdem wir uns getrennt hatten, sind mir nämlich die Dinge noch lang im Kopf herumgegangen, und ich glaube nun manches besser zu sehen. Daß die Aufführung von Shakespeares "Kaufmann von Venedig" eine starke Leistung war, ist gewiß, sonst hätte sie die Fragen nicht so heftig aufgerührt. Sie hat aber, behaupte ich, das Drama mißverstanden, denn sie hat die Gestalt des Shylock, genauer gesagt, das "Problem Shylock" in den Mittelpunkt gerückt, und das war falsch. Falsch war überhaupt die ganze Problem-Atmosphäre, in die sie das Stück gebracht hat, denn Shakespeare ist im Grunde gar nicht problematisch! Wenn man sehen will, wie wenig er es ist, braucht man ihn nur mit einem Grübler wie Hebbel zu vergleichen - von vorsätzlichen Problemdichtern wie Ibsen gar nicht zu reden. Natürlich hat er schon Neuzeit in sich, und damit beginnt sich auch für ihn der Schwerpunkt des Daseins von Ding und Geschehnis weg zur Subjektivität des Erlebnisses hin zu bewegen. Das wird deutlich, wenn man ihn abermals vergleicht, und nun etwa mit Sophokles oder gar Aischylos. Trotzdem ist das, was in Shakespeares Dramen redet, immer noch die Welt selbst, nicht der Mensch über die Welt. Diese Welt ist abgründig; aber von der Abgründigkeit des Seins, nicht des Gedankens. Sie ist rätselhaft, aber so, wie die Dinge selbst rätselhaft sind; wie um die Kontur jedes Baumes das Geheimnis läuft, und die Tatsache, daß es überhaupt etwas gibt, unbegreifbar ist. Doch bedeutet das noch keine "Problematik". Die entsteht erst, wenn der Mensch nicht mehr richtig im Dasein steht und zu fragen beginnt, warum das so sei und wie es wieder in Ordnung gebracht werden könne... | ||
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