Romano Guardini Online Konkordanz
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Tagebuch - Aus Oberitalien

Seltsam geht es oft den Augen im Süden. Es ist, als ob die Kraft der Formen, die in den Dingen drängt, dort erst richtig herauskönnte. Als ob sie sich streckten und ins Freie träten; als ob Innerlichkeiten offenbar würden, die im Norden verhalten bleiben. Jedes Gebilde löst sich vom Nachbar, tritt in eigenen Stand, bekommt Raum um sich. Die Körper werden schlanker und doch voller und fester; die Glieder feiner und stärker zugleich. Im Norden scheint alles noch irgendwie gebunden, verwoben, verworren, Knospe und Chaos in einem. Als ich gestern an blühendem Efeu vorbeikam, und es um ihn her schwärmte und orgelte, mußte ich mich vergewissern, daß es auch wirklich Bienen seien, diese glänzenden, starken, in ihrer Form gleichsam frei gewordenen Tiere. Oder wenn im Frühling die Primeln blühen, dann ist es, als hätten die Blüten jetzt erst ihre reine Gestalt gefunden. Blumenblatt löst sich von Blatt, wird breit, kraftvoll, und das Wesen ist wie freigesprochen.
Freilich geht dabei auch etwas verloren. Das Verhaltene, Verheißende; jenes, das geahnt werden muß. Das Geheimnis -ein Geheimnis, muß es wohl heißen; denn es gibt ja auch das Geheimnis der Klarheit. Irgend ein Geheimnis wird abgestreift, das im Norden, von zarter Verhüllung behütet, um die Dinge lebt. Etwas wird klar; aber zugleich fühlt man, wie eine Scham fällt, und eine letzte Köstlichkeit vergeht.
Wie sich aus schlichter Gegenwart plötzlich Großes erheben kann ... Wir waren an den Gardasee gefahren, nach Sirmione. Vor dem letzten Ende der Landzunge, die sich in das lichterfüllte Wasser hinausstreckt, waren wir abgestiegen und gingen nun links hinauf, an der kleinen, alten Kirche vorbei, dem Ufer zu. Sonnendurchglasteter Nachmittag.


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