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Kunst und Absicht
[1946]

Seit den Tagen, da dem großen Künstler Platon die Kunst fragwürdig wurde, ist immer wieder die Frage aufgetaucht, worin ihr Sinn bestehe, und wie sie ihn zu verwirklichen habe. Wir werden gewiß nicht die Antworten aufzählen, welche diese Frage erhalten hat; aber vor etwa einem Jahrhundert wurde eine gegeben, die uns angeht. Und zwar sagte sie, die Kunst sei „für die Kunst“ da. Es war eine kämpferische Formel und sie stand anderen gegenüber, die erklärten, die Kunst sei „für das Leben“ oder „für die Menschheit“ da – wobei die weitere Frage, was sie für Leben und Menschheit zu tun habe, sehr konkrete Antworten bekam.
Nachdem die Kunst in der letzten Vergangenheit zu allen möglichen Diensten gepreßt worden ist, empfinden wir jene alte Formel wieder als sehr zeitgemäß. Recht verstanden meint sie doch, die Kunst trage ihre Aufgabe in sich selbst und lehne alle von außen kommenden Zwecksetzungen ab. Sie sei dazu bestimmt, das Wesen der Dinge zu erfassen und in sinnenhafter Gestalt auszudrücken, und darin unterstehe sie nur ihrem eigenen Gesetz.
Dann geriet die Formel in die Bewegung der Geschichte und verlor ihre erste Klarheit. Aus der Kunst wurde vielfach etwas Abseitiges und Künstliches, an dem keiner, der sie liebte, Freude haben konnte. So entstand um die Jahrhundertwende eine neue Parole und verkündete, die Kunst müsse „dem Volke“ gehören. Sie müsse aus der artistischen Isolierung herausgeholt und ins Leben der Gesamtheit gestellt werden. Man könnte einwenden, große Kunst sei immer Sache Weniger gewesen, jedenfalls wurde aber unter der neuen Parole manches Gute geleistet – erinnern wir uns etwa an die Arbeit des Kunstwart und ähnlicher Bestrebungen im allgemein-kulturellen oder an

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