Romano Guardini Online Konkordanz
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Über Loyalität
Brief eines Deutschen an einen Amerikaner
[1954]

Verehrter Doktor Kissinger!
Sie haben mich auffordern lassen, ich möge etwas über die Weise sagen, wie wir in Deutschland das Problem der Loyalität empfinden – unter besonderer Rücksicht auf die Erfahrungen, die wir während der Diktatur wie auch der Besatzung gemacht haben.
Mein erster Gedanke war, den Auftrag abzulehnen, denn ich fühlte mich nicht imstande, die Dinge so zu sagen, wie wir sie empfinden – und auf der anderen Seite so, daß Menschen, die in ganz verschiedenen Verhältnissen leben, es auch verstehen können.
Nun hängt aber so viel davon ab, daß die Menschen in dieser eng werdenden Welt einander ein wenig besser verstehen, als es bisher geschehen ist; so will ich es doch versuchen. Ich bitte Sie, einverstanden zu sein, daß ich in der Form eines Briefes schreibe. Ich kann dann unmittelbarer sprechen, und die Chancen, mich richtig auszudrücken, werden größer.
Im Gespräch mit Menschen anderer Volkszugehörigkeit ist mir aufgefallen, daß jeder sagt, sein Volk sei nicht leicht zu verstehen. Jedes Volk fühlt eben sein eigenes Wesen in unmittelbarer innerer Erfahrung; der andere aber faßt es von außen her auf, so liegt dazwischen immer eine Fremde. Dazu kommt das Bewußtsein der Individualität – und jedes Volk ist ja eine solche, nur von großen Ausmaßen –, etwas Einmaliges zu sein, das sich nicht wiederholt. Das kann sich dann bis ins Religiöse steigern; daher man denn bei vielen Völkern die Behauptung findet, sie seien das „Volk Gottes“ und ihr Land sei „Gottes eigenes Land“. Dieses Bewußtsein, von anderen nur schwer, im Grunde überhaupt nicht verstanden werden zu können, hat

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