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vom göttlichen Wesen ganz unvollkommen sind. Sobald sie aber klarer werden, haben jene Versuche keinen Sinn mehr. Der Mensch wird sich bewußt, daß er solche bloße Wirklichkeit nicht meistern, noch weniger in sich aufnehmen kann. Ja, er sieht nicht einmal die Möglichkeit, neben ihr sein eigenes Leben frei und selbständig zu führen; er wird von ihr gleichsam niedergedrückt, wird dazu gedrängt, sich selbst vor der Gottheit aufzugeben. So muß der Grundzug des Verhältnisses zu ihr verzichtende Ergebung, Furcht, ja Grauen und Angst sein. Dies ist auch tatsächlich das tiefste Merkmal jeder bloßen Naturreligion. Es wird nur dadurch gemildert, daß die Gottheit unsichtbar ist und daher wenigstens zu Zeiten vergessen werden kann. Oder es wird durch das höchst vielfältige Verhältnis zu den greifbaren Dingen in der Welt verschleiert und durch den Rausch des Verschmolzenseins mit dem All übertäubt. Darin liegt die Tragik jedes naturhaften und pantheistischen Verhältnisses zur Gottheit: Der Mensch wird von ihrer unendlichen Wirklichkeitsmasse und Willenswucht erdrückt; er kann sie als Schicksal nicht meistern und als All-Leben nicht in sich aufnehmen. Auch aus der ideellen Ordnung führt ein Weg zum Göttlichen. Die Vernunft gewinnt daraus den Begriff der absoluten Wesenheit, absoluten Idee, von der alle relativen Ideen nur Abbilder sind. Sie bedeutet das unbedingt Gültige, die Gültigkeit an sich, »das höchste Gut«, Einheit und Inbegriff von Wesensfülle, Wahrheit, sittlicher Güte und Schönheit. Die absolute Idee enthält einmal in vollkommener Einfachheit die erschöpfende Fülle des Gültigkeitsinhalts: die unendliche »sachliche« Wahrheit, Schönheit, Gutheft. Und dann die absolute Wucht des Geltungscharakters: Sie ist schlechthin und aus sich selbst notwendig, läßt keine weitere Begründung, Zurückführung, Zusammenfassung usw. zu. Sie fordert vom Subjekt, daß es sie anerkenne, und zwar vollkommen. Sie soll der Gesinnung höchste und einzige Norm, dem Streben letztes Ziel, dem geistigen Leben endgültiger, ganz ausfüllender, wenn auch nicht immer unmittelbar bewußter Inhalt sein. | ||
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