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Das visionäre Element in der Göttlichen Komödie

I.
Die Divina Commedia berichtet von einer Wanderung, die ihr Dichter in einem entscheidenden Augenblick seines Lebens durch die Reiche des Jenseits gemacht, und die ihn zu einem neuen Lebensanfang geführt hat.
Das Motiv ist alt. In klassischer Form entwickelt es der elfte Gesang der Odyssee und der sechste der Aeneis. Mehrfach taucht es in den Jenseitswanderungen des Mittelalters auf, und es klingt noch in Goethes Faust an, wenn der rastlose Mann im zweiten Teil der Tragödie zu den Müttern hinabsteigt. Es besagt, daß die Toten mehr über das Leben wissen als die Lebendigen, und daher der Mensch in entscheidenden Augenblicken die notwendige Weisung nicht in ihm selbst finden kann, sondern sie von jenseits seiner herholen muß. Der Gedanke findet eine wissenschaftliche Bestätigung, wenn die Tiefenpsychologie sagt, der Bereich des unmittelbaren Lebens, das bewußte Dasein, könne in gewissen Krisen nicht aus ihm selbst heraus verstanden und gemeistert werden, sondern nur so, daß der Mensch zur Unterwelt seines Persönlichkeitskosmos, zum Unbewußten hinabsteige und dort die Wurzeln seiner Konflikte, ja die Vorentwürfe seiner Lebensmöglichkeiten erkenne.
Was Dante in den hundert Gesängen seiner Dichtung schildert, ist also Jenseits, und was der Wandernde über Sinn und Ordnung der Welt im ganzen wie seines eigenen Daseins erkennt, will Weisheit von Drüben her sein – welchen Charakter hat nun dieses Jenseits? In welchem Zustand befindet es sich? Welche Art des Anschauens, Mitgehens, Sich-Einstellens verlangt der Dichter von seinem Hörer oder Leser?


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