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Über die Bedeutung der Psalmen im christlichen Dasein [1951] I. Im Alten Testament steht zwischen den Schriften der Propheten und den Sprüchen Salomons das Buch der Psalmen, eine Sammlung von einhundertfünfzig religiösen Dichtungen. Diese haben sehr verschiedenen Inhalt; die Grundstimmung aber, die sie trägt, und die Bedeutung, welche die heilige Geschichte ihnen gegeben hat, schließt sie zu einem Ganzen zusammen. Wer das Buch aufschlägt, empfindet den Hauch einer lang vergangenen, vom Geiste Gottes bewegten Zeit. Die Psalmen sind im Laufe vieler Jahrhunderte entstanden. Die frühesten stammen vom zweiten König Israels, David, das heißt also aus der Wende vom zweiten zum ersten Jahrtausend vor Christus; die letzten vielleicht aus der Zeit der Makkabäer, also dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert; so erstreckt sich die Zeit ihrer Entstehung durch neun Jahrhunderte. Wie die Schriften der Propheten, so kommen auch die Psalmen aus dem Innern der alttestamentlichen Geschichte. Während aber die Propheten ganz auf das Schicksal des Volkes als solchem gerichtet sind, geht es in den Psalmen auch um das Erleben des Einzelnen. Allerdings dürfen wir dieses Innenleben nicht nach Art des neuzeitlichen denken. Den Menschen, der als Einzelner Gott gegenübersteht, kennt das Alte Testament nicht; allenfalls kündigt er sich in dessen späten Schriften, etwa dem Buch Job oder den Weisheitsbüchern, an. Der Fromme lebt – und je gläubiger er ist, desto tiefer – im Leben seines Volkes, das Gott gerufen hat und auf ein geheimnisvolles Ereignis, die Ankunft des Messias, zuführt. In diesem Zusammenhang | ||
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