![]() | Treffernummer: |
< | Seite 434 | > |
Brief an einen jungen Freund über guten Gebrauch der deutschen Sprache [1967] Lieber Freund! Du hast einen Brief gewünscht, der Dir sagen soll, wie man gutes Deutsch schreibe. Das ist ein löblicher Wunsch, denn die deutsche Sprache ist schön, und über die Weise, wie sie oft mißhandelt wird, auch von Leuten, die sie in Ehren halten sollten, muß man sich schämen. Wenn man wissen will, wie es mit der Kultur einer Zeit oder eines Landes steht, sollte man zuerst nicht nach bildender Kunst und Theater fragen, sondern danach, wie im täglichen Leben gesprochen und geschrieben werde. Das würde ein richtigeres Bild ergeben. Um auf Deine Frage gut zu antworten, müßte ich freilich ein Buch schreiben, mit vielen Beispielen. Dafür fehlt mir aber die Zeit. So gebe ich Dir einige Faustregeln, wie sie sich mir mit der Zeit herausgebildet haben. Hoffentlich kannst Du etwas mit ihnen anfangen. Bei den nachfolgenden Regeln habe ich zunächst an die geschriebene Sprache gedacht. Bei ihr kann man besser prüfen und ändern. Die gesprochene hat gegenüber der geschriebenen die großen Vorteile der Stimme; auch verfügt sie über Miene und Gebärde. So bestehen zwischen ihr und der geschriebenen Sprache große Unterschiede. Trotzdem wird von dem, was die nachfolgenden Regeln sagen, manches auch für sie brauchbar sein. Dann noch etwas. Zwischen Dir und mir liegt ein großer Unterschied: der des Alters. Der ist in Dingen der Sprache besonders groß, denn diese ändert sich ja beständig. In den letzten Jahrzehnten sind die Änderungen sehr schnell vor sich gegangen | ||
< | Seite 434 | > |