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128.
Brief vom 24.03.1929, Girgenti.
[Hotelbriefkopf]
Grand Hotel Des Temples
Girgenti (Sicilia)*891
24.3.29
Lieber Joseph
mit einem Ölzweiglein vom gestrigen Palmsonntag, den wir im Agrigentiner Dom gefeiert, senden wir Dir von Herzen alle guten Osterwünsche.
Wir haben viel schönes gesehen, und immer wieder Dich genannt.
Gestern im Dom hättest Du Deine Freude gehabt - die vielleicht allmählich in etwas anderes übergegangen wäre!! - Da waren wirklich pueri Hebraeorum clamantes*892. Ein Gewimmel von kleinem Volk, mit Palmzweigen, doppelt so groß als sie selbst, und ebensolchen Oliven - ästen, muß man schon sagen, und ein Spektakel! Aber das Bild steht einem fröhlich im Gedächtnis, das rastlose Gewedel, und die Farben, und das Licht. Anderes Land!
Wie es hier ist, davon erzähle ich Dir einmal. Land Homers. Überall denkt man an ihn. Voll Kultur, und voll Einsamkeit; wild und lieblich. Überall schaut das Meer her; überall Oliven und Steineichen und, jetzt, blühende Obstbäume. Und Städtchen liegen auf den Bergen wie aus Märchenland. Und dann wieder ist man traurig über die zerstörte Herrlichkeit, von der die letzten Reste noch schön sind.
Syrakus, Agrigent, Selinunt - da muß es gestrahlt haben? Und wieder denkt man an die Furchtbarkeiten, die damit verbunden waren; an die vielen Tausende von Sklaven, deren Arbeit alles gebaut; und darum muß wohl alles wieder untergehen..
Nun noch einmal fröhliche Ostern!
In herzlichem Gedenken
Romano.

891 Die Reise mit Fanny Kempner über München, Tirol, Rom, Syrakus, Agrigent, Palermo, Neapel und zurück nach Rom ist festgehalten als: »Tagebuch: Reise nach Sizilien«, in: In Spiegel und Gleichnis, Mainz (Grünewald) 1932.
892 Lat.: »Die Kinder der Hebräer (trugen Ölzweige in Händen; sie zogen dem Herrn entgegen und) riefen«: Antiphon nach dem Evangelium des Palmsonntags (Mt 21, 8f). Das Zitat ist wörtlich auch in das »Tagebuch: Reise nach Sizilien« aufgenommen.

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