Romano Guardini Online Konkordanz
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Abschied von der Tübinger Kunstausstellung
[1947]

I.
Ich bin heute noch einmal in der Ausstellung gewesen, in welcher, wie ihr Titel sagt, vor den Luftangriffen geborgene „Kunstwerke aus neun Jahrhunderten“ beieinander sind. Bald soll sie geschlossen werden, und das ist ein Anlaß, traurig zu sein.
Man hatte sich daran gewöhnt, sie in den würdigen Räumen des Kunstgebäudes neben der Universität zu wissen; immer wieder ohne großen Entschluß eintreten, einige der schönen, stillen Dinge betrachten und wieder zu seiner sonstigen Tätigkeit zurückkehren zu können, sodaß es nicht das Unternehmen eines Museumsganges bedeutete, sondern sich leicht in den Tag einfügte. Diese Vertraulichkeit söhnte sogar fast mit der Unnatur des Museums aus, – denn es ist eine, besonders wenn es sich um religiöse Werke handelt. Es ist nicht nur seltsam, sondern im Innersten falsch, wenn etwa in einem Raum mehrere Gestalten des Gekreuzigten oder mehrere Madonnen hängen und stehen. Das kann nur deshalb geschehen, weil die Zeit als Ganzes nicht mehr weiß, was diese Werke bedeuten; ganz abgesehen davon, daß ein Kruzifix wie der von St. Gereon in Köln, oder das Pestkreuz von Maria im Kapitol überhaupt nur in eine Kirche gehören. Aber, wie gesagt, in Tübingen vergaß man fast die Unnatur. Vollends vom Standpunkt der Universität aus konnte man sich denken, sie und die Versammlung schöner Werke drüben bildeten ein Ganzes, in welchem die Möglichkeit bestand, von Wissenschaft und Philosophie zu hören, aber auch zu einem Kunstwerk zu gehen, und so viel zu schöpfen, als einem gegeben wurde.
Im Nachdenken über das, was man bei seinen Besuchen gesehen und gehört hat, kam man auf allerlei Wünsche.

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