Romano Guardini Online Konkordanz
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Bemerkungen über Sinn und Weise
des Interpretierens

1.
Wer interpretiert, sucht in eigener Weise zu klären, was ein Anderer in der seinen gestaltet hat - warum tut er das?
Er kann von historischem Interesse geleitet sein. Dann nimmt er die Dichtung als Quelle und sucht durch ihr Verständnis mit der Persönlichkeit, dem Leben und Wirken des Menschen, der sie geschaffen hat, in Fühlung zu kommen - um dann, über ihn hinaus etwas über seine ganze Epoche zu erfahren: wie sie die Natur, den Menschen und sein Werk gesehen habe; welche Motive in ihr wirksam gewesen; was ihr schön und was ihr schlimm erschienen sei. Homers Dichtung sagt dem, der sie richtig liest, Bedeutungsvolles über das griechische Mittelalter - so deutlich, daß ein Schliemann daraufhin gegen die Skepsis seiner Zeit die berühmt gewordene Ausgrabung Trojas unternehmen konnte.
Umgekehrt ist dem historisch Unterrichteten klar, daß der ganze Reichtum eines Gedichts letztlich doch nur aus dem Zusammenhang seiner Zeit heraus verstanden werden kann. So entfaltet Dantes "Göttliche Komödie" erst dann ihre volle Lebendigkeit, wenn der Lesende weiß, hier redet ein Mann, der seiner Wesensart nach schon über das Mittelalter hinausgeschritten ist; der sich aber, von seinem Schicksal gewiesen, ins Vergangene zurückwendet und nun die bereits sinkende Zeit mit einer Eindringlichkeit, ja Leidenschaft zu zeichnen vermag, die einem ihr unmittelbar Zugehörigen versagt geblieben wäre.
Die Neigung zum Interpretieren kann aber auch anzeigen, daß die ursprüngliche Werkkraft nachläßt. Der geistige Drang, nicht mehr fähig, selbst hervorzubringen, beschränkt sich dann darauf, zu verstehen, was andere hervorgebracht haben und daran den eigenen Scharfsinn zu üben. Wir kennen den Zustand unter dem Namen des Alexandrinismus; jener emsigen Bemühung,

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