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Das letzte Sonett der Vita Nuova

I.
Dem gewaltigen Bau der Göttlichen Komödie ist in Dantes Gesamtwerk eine kleine Dichtung vorgelagert: die Vita Nuova. Sie ist nicht später als 1293 entstanden und, wie aus Kapitel 30,3 hervorgeht, *1 dem Freunde Guido Cavalcanti gewidmet. Voll und schön in sich selbst, bildet sie zugleich eine Vorbereitung auf die Commedia und ist für deren Verständnis wichtig.
Der Titel »Neues Leben« hat für Dante eine doppelte Bedeutung. Er enthält zunächst den neutestamentlichen Begriff für jenen Zusammenhang von Erkenntnis, Gesinnung, Daseinsgestalt, der aus der Begegnung mit Christus hervorgeht; im irdischen Leben noch verhüllt, in der Hoffnung der einstigen Vollendung gewiß. *2 Dann aber ist mit Neuem Leben alles das gemeint, was an vornehmem Sein und edler Lebensart durch die Beziehung zur geliebten Frau möglich wird, wie es von der provenzalischen Minnekultur herausgearbeitet worden ist.
Auf den ersten Blick scheinen die beiden Bereiche außer Beziehung zu stehen. Der mittelalterliche Mensch, der alles andere als ein weltfeindlicher Dualist war, empfand aber eine solche, und zwar von sehr tiefer Art. Man braucht nur an Franz von Assisi zu denken, eine der reinsten Gestalten neutestamentlicher Verwirklichung, um zu sehen, wie klar die Ideen von Rittertum und Minnedienst sich christlicher Gesinnung, Symbolik und Lebensform einfügten.
Die Vita Nuova ist eine Dichtung von köstlichem Reiz. Ihre Gefühlshaltung ist herb, wie sie der Jugend ziemt; die innere Glut bricht aber immer wieder in heftigen Sätzen und Bildern
*1 Le opere di Dante, 1921, S. 40.
++++ *2 Vgl. Röm 5,12ff u. a.


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