Romano Guardini Online Konkordanz
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Ein Gedicht von Goethe und ein Wort dazu

Auf den Auen wandeln wir
Und bleiben glücklich ohne Gedanken,
Am Hügel schwebt des Abschieds Laut,
Es bringt der West den Fluß herab
Ein leises Lebewohl
Und der Schmerz ergreift die Brust,
Und der Geist schwankt hin und her,
Und sinkt und steigt und sinkt.
Von weitem winkt die Wiederkehr
Und sagt der Seele Freude zu!
Ist es so? Ja! Zweifle nicht.

Auf einer Wanderung durch die Fülle der Gedichte Goethes bin ich auf dieses gestoßen. Es ist an die Gräfin Christine v. Brühl gerichtet und stammt aus der Zeit vor der italienischen Reise. Es hat mich seltsam berührt, und so oft ich es lese, übt es immer neu seinen leisen Zauber. Mir scheint, dieses Gedicht ist wunderbar verschieden von den übrigen. Die derbe Dichtigkeit der Knittelverse, das künstliche Gefüge der Stanzen, die klingende Fülle der Lieder, das freie Strömen und Steigen der Oden und Hymnen, die klar gemessenen Gestalten der Distichen und Hexameter, tändelnde gesellschaftliche Belanglosigkeiten und aufgeklärte Gravität, mancherlei Plattes und Häßliches und wieder köstlich glaubwürdige Weisheit - in all dem vielfältigen Wesen steht dies Gedicht einsam für sich. Zwischen den meisten anderen und uns liegt bereits eine fein sich betonende Ferne. Dieses ist seltsam nahe. Jene rühren an das Herz; dieses ist schon darin. Die Sicherheit, die andere Gedichte Goethes haben, die ihrer selbst gewisse Prägung hat sich aufgelöst. Es hat sich aufgemacht, ist unterwegs, nach anderem Lande. Es ist zart, und

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