Romano Guardini Online Konkordanz
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Das Gespräch in Ostia
Augustinus, Bekenntnisse IX, 10.
Übersetzt von Romano Guardini
[1957]

Als aber der Tag nahe war, an dem [meine Mutter] aus diesem Leben gehen sollte – Du kanntest den Tag, wir aber wußten ihn nicht – da geschah es, nach Deinen verborgenen Weisen, wie ich glaube, gefügt, daß ich und sie allein an ein Fenster gelehnt standen, von dem aus der Garten im Inneren des Hauses, das uns beherbergte, sichtbar war – dort bei Ostia am Tiber, wo wir uns, dem Menschengetümmel fern, nach der Mühsal der langen Reise für die Überfahrt erholten. So sprachen wir allein miteinander in gar süßem Gespräch; „vergaßen das Vergangene und streckten uns aus nach dem, was vor uns liegt“ *1. Und vor der gegenwärtigen Wahrheit, die Du bist, fragten wir einander, welcher Art das ewige Leben der Heiligen sein werde, das „kein Auge geschaut und kein Ohr vernommen, und das in keines Menschen Herz aufgestiegen ist“. *2 Aber mit dem Munde des Herzens lechzten wir nach den himmlischen Ergießungen Deiner Quelle, „der Quelle des Lebens“, die „bei Dir ist“ *3, auf daß wir, nach unserer Fassungskraft benetzt, in jeder [uns möglichen] Weise einen so hohen Gegenstand zu denken vermöchten.
Als nun der Gang der Rede bis zur Einsicht gelangte, daß die Lust der körperlichen Sinne, und wäre sie noch so groß und stünde in noch so hellem körperlichem Glanz, vor der Freudenfülle jenes Lebens keines Vergleiches, ja nicht einmal einer Erwähnung würdig schien, da erhoben wir uns mit glühender
*1 Phil 3,13.

*2 1 Kor 2,9.

*3 35,10.

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