Romano Guardini Online Konkordanz
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Erinnerung und Voraussicht
[1964]

Grußwort

Lieber Helmut Kuhn,
mit dieser Festschrift wollen Ihre Freunde Ihnen herzliche Wünsche zu Ihrem fünfundsechzigsten Geburtstag aussprechen.
Es ist schön, daß sie den Titel „Epimeleia“ trägt. In dem Wort leuchtet die große Einsicht Platons und seines Meisters Sokrates auf, die sie im Kampf gegen das relativierende und utilitarische Denken der Sophisten gewonnen haben: Daß es nämlich gültige Wahrheit gibt; daß sie durch redliches und entschlossenes Fragen gefunden werden kann; daß von der Wahrheit her der Geist, und vom Geiste her der ganze Mensch, Einzelner wie Gemeinschaft, heil ist. Daß aber diese Gültigkeit in wesenhafter Beziehung zur Freiheit steht, unterscheidet sie unverwechselbar von jeder mit Gewalt durchgesetzten Doktrin.
In etwa stehen wir ja wieder in einer ähnlichen Situation, wie Platon: einer allgemeinen Scheu vor gültiger, erkennbarer und verpflichtender Wahrheit – das macht das Ethos seines Denkens so eindringlich.
Bei der Niederschrift dieser Zeilen werde ich mir mit Freude der Gemeinsamkeit bewußt, die zwischen uns in der Sorge um den heutigen Menschen besteht, der weithin das Verhältnis zur Wahrheit verloren hat. Und es bedeutet wohl keine Voreiligkeit, wenn ich denke, eine Gemeinschaft dieser Art bestehe auch unter den Mitarbeitern des vorliegenden Bandes.
Jedenfalls verbindet sie das Bewußtsein, daß Wahrheit wirkende Macht ist – eine solche freilich weder der Herrschaft noch des Nutzens, sondern des Sinnes. Und daß die Ehre des Menschen darin liegt, letztlich aus dem Sinn heraus zu existieren.

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