Romano Guardini Online Konkordanz
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Mickymaus & Co

Ein Brief
Lieber Freund! Unser gestriges Gespräch hat in einem richtigen Durcheinander geendet. Das konnte aber auch kaum anders gehen, wenn Leute von so verschiedener Denkart über eine so verworrene Sache, wie die modernste Kunst, mit einander sprechen. Der Eine hat in ihr einen Durchbruch zur absoluten Kunst gesehen; der Andere etwas, das überhaupt nicht mehr »Kunst« ist, sondern ein Suchen nach den Chiffren des Daseins; der Dritte hat von Mache und Geschäft gesprochen, und der Vierte war entzückt, daß unsere heutige Verbrauchsgesellschaft gezwungen werde, einen solchen Unsinn schön zu finden und teuer zu bezahlen. Wie konnte da nur ein Verständnis zu Stande kommen?
Ich will aber auch jetzt keine gemeinsame Linie herausholen, sondern nur einen Gedanken äußern, der mich beunruhigt.
In der letzten Zeit hatte ich viel darüber nachzudenken, wie verschiedenartig nicht nur, sondern wie widersprechend die Antworten sind, die auf die Frage gegeben werden, was eigentlich der Mensch sei. Das schien um so erstaunlicher, als es sich ja doch nicht um etwas Fremdes, Fernliegendes, sondern um das Allervertrauteste und Nächste handelt, das jederzeit beobachtet und empfunden werden kann, nämlich um uns selbst. Welch sonderbares Problem muß doch der Mensch sein, wenn von ihm einander so radikal widersprechende Bestimmungen gegeben werden können, wie z. B. die des deutschen Idealismus, der im Menschen den geschichtlichen Ausdruck des absoluten Geistes sieht, und die des Materialismus, der sagt, er sei im Letzten nichts anderes als Tier und Stein! Daß ein so umfassendes und in so tiefer

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