![]() | Treffernummer: |
< | Seite 188 | > |
Göttliche Reminiszenz I. Das Gedicht, 1845 geschrieben, stellt die Interpretation vor ein besonderes Problem. So müssen wir unserem Versuch eine kurze Orientierung vorausschicken. Mörike studierte von 1822 bis 1826 in Tübingen evangelische Theologie. Bis 1834 versah er, mit einer Unterbrechung von anderthalb Jahren, den Dienst eines Vikars, wurde dann Pfarrer von Cleversulzbach bei Heilbronn, ließ sich aber bereits im Jahre 1843 pensionieren. Wir erfahren, daß er schon als Vikar in seinem Beruf nicht glücklich gewesen ist und sich auch als Pfarrer nicht wirklich an seinem Platz gefühlt hat. Auf die Frage nach Mörikes religiöser Überzeugung finden wir keine einfache Antwort. Seine Zeit war die der ausklingenden Romantik und des beginnenden positivistischen Rationalismus und sie hat, wie nicht anders möglich, auf ihn gewirkt. Der Brief, den er 1837 an Fr. Th. Vischer schreibt, zeigt sich mit der Straußschen Evangelienkritik einverstanden; spricht von einem "landkundig werdenden theologischen Bankerott" und von Konzessionen, die man in der "öffentlichen Stellung als Geistlicher" der "Unmündigkeit des Volkes" machen müsse, wenn einem auch dabei "niemals ganz wohl und frei" zumute sei. *9 Was das Problem weiter verwickelt, ist die Nähe, in welcher Mörike zur Antike gestanden hat. Sie bedeutete nicht nur die Vertrautheit des humanistisch Gebildeten mit der alten Kultur, sondern war wirkliche Lebensgemeinschaft; so stellt man sich, ähnlich wie bei den Humanisten der Renaissance, die Frage, wo das geistvoll-weitherzige Verstehen und Genießen aufhöre, und wo der Ernst anfange... Auch an den mythischen Hauch ist zu erinnern, der durch das "Märchen vom sichern Mann", den *9 Briefe, a. a. O. S. 433f. | ||
< | Seite 188 | > |