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Dantes Geschichtsbewußtsein

I.
Wenn wir sagen, ein Mensch habe Geschichtsbewußtsein, dann meinen wir damit zunächst, daß er nicht nur im Augenblick lebt, sondern sich vergangener Ereignisse erinnert, die ihn im Zusammenhang mit der Gesamtheit betreffen. Wir meinen weiter, daß diese Ereignisse in seinem Gedächtnis nicht chaotisch durcheinandergehen, sondern durch das Bewußtsein von Ursache und Wirkung, Initiative und Verantwortung verbunden sind. Wir meinen endlich, daß er in dem ganzen Geschehen einen Sinn verwirklicht weiß, der sich letztlich auf das Dasein überhaupt bezieht.
Das vorausgesetzt, wird man bei Dante ohne weiteres von einem geschichtlichen Bewußtsein hohen Ranges sprechen können. Wie groß sein »Gedächtnis«, sein Wissen um Personen, Handlungen und Geschicke war, zeigt jeder Blick in seine Dichtung. Desgleichen, wie tief er in die Zusammenhänge blickte, und wie entschieden er wertend Stellung nahm. Was endlich sein Bewußtsein um letzte Sinngebung angeht, so genügt der Hinweis auf die beiden großen, in der symbolischen Realität »Rom« verankerten Ordnungsideen »Reich« und »Kirche«, auf die er alles Geschehen bezogen sah. Von solchen Momenten pflegt vor allem gesprochen zu werden, wenn von Dantes Geschichtsbewußtsein die Rede ist, zumal seine Schrift De Monarchia wie auch seine persönlichen Kämpfe und Schicksale dafür reichen Stoff und klare Bestimmung beibringen.
Interessanter scheint aber eine andere Frage zu sein, der man nicht so leicht begegnet, nämlich die nach den letzten menschlich-geistigen, richtiger religiösen Voraussetzungen, aus denen

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