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Der Gesamtzusammenhang des christlichen Gebetslebens [1943?] Das persönliche Gebet Das persönliche Gebet ist jeweils so, wie der Mensch, der es übt, denn es drückt sein Eigenstes aus; um so stärker und reiner, je vollkommener es ist. So eignet sich die Weise, wie der Eine betet, nicht ohne weiteres für den Anderen: Gewiß nimmt jeder auch andere in sein Gebet mit: Angehörige, Freunde, Bedrängte. Je selbstloser der Mensch wird, desto weiter breiten sich seine Sorge und sein Gebet aus; dennoch ist er im Letzten mit Gott allein. Jenes Wort, das unter den ersten Einsiedlern der ägyptischen Wüste entstand, dann von Augustinus neu geprägt und jüngst erst wieder durch Kardinal Newman ausgesprochen wurde: „Gott und meine Seele, sonst nichts“, gilt auch hierfür. Das persönliche Beten steht in der heiligen und innigen Einsamkeit, die Gott und den Menschen – jedesmal aufs neue Ihn und diesen Einzelnen – umschließt. Die Menschen sind nicht im Dutzend vor Gott, sondern jeder ist für Ihn so da, als ob er der Einzige wäre. Das persönliche Beten gehorcht bestimmten Gesetzen: Lehren der Offenbarung, wie sie uns aus der Heiligen Schrift entgegentreten; Regeln der christlichen Erfahrung, wie sie in der Überlieferung der Kirche herausgearbeitet sind; Normen der Vernunft und Weisheit, die, wie für alles geistige Tun, so auch für das Gebet gelten. Trotzdem ist das persönliche Beten in einem besonderen Sinne frei. Wohl kann man bei ihm von Regeln und Gesetzen sprechen; wie bei allem Lebendigen, das ja der Ordnung bedarf, um zu gedeihen. Doch sind sie nur ein Schutz; seinem eigentlichen Wesen nach entspringt das persönliche Gebet aus dem unmittelbaren Antrieb des Herzens. Je | ||
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