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Das Phänomen des Lichtes in der Göttlichen Komödie


Vorbemerkungen
Der Vorgang, der die Commedia trägt, ist, wie die erste Abhandlung dieses Bandes gezeigt hat, die Vision einer Wanderung, welche den Dichter in einem entscheidenden Augenblick seines Lebens durch das Weltall führt. Indem er das Schicksal der Menschen vergangener Zeiten sieht, wird er sich selbst offenbar. So ist dieses Sehen kein bloßes Anblicken, sondern das, was alle Hochreligionen als »Kontemplation« kennen: ein Schauen, in welchem mit dem Schauenden selbst etwas geschieht.
Daraus ergibt sich ohne weiteres, welche Bedeutung die Voraussetzung alles Schauen-Könnens, nämlich das Licht, in der Göttlichen Komödie haben muß.
Sie steht damit in einer Gedankentradition, die Clemens Bäumker in seinen Untersuchungen zum Liber de intelligentiis des schlesischen Philosophen Witelo – eines Zeitgenossen des Thomas von Aquin – dargestellt hat. *1 Und zwar in der Tradition der Lichtmetaphysik, wie sie von der griechischen Philosophie, über den Neuplatonismus und Augustin, durch das ganze Mittelalter führt, um dann im Platonismus der Renaissance weiterzugehen und noch in der Phänomenologie Edmund Husserls und Max Schelers wirksam zu werden.
Das Licht erscheint hier als ein Phänomen, das sich durch das ganze Dasein erstreckt. Es setzt mit dem physischen Licht an, entfaltet sich aber dann als lumen mentis und cordis ins Geistige und Affektive, als lumen gratiae ins Pneumatische. Sobald die genannten Denker von Licht sprechen, meinen sie, daß Vorhandenes
*1 Witelo, ein Philosoph und Naturforscher des 13. Jahrhunderts, Beiträge zur Geschichte der Philosophie des Mittelalters, 1908.

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