Romano Guardini Online Konkordanz
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Anselm von Canterbury und das Wesen
der Theologie
[1921]

Der große Kampf, der im elften Jahrhundert zwischen der kirchlichen und weltlichen Macht anhob, nahm mannigfaltige Gestalten an und verband sich mit den verschiedensten Gegensätzen des damaligen wirtschaftlichen, politischen und geistigen Lebens. Sein tiefster Sinn aber war dieser: Die Kirche löst sich aus der Verflechtung in irdische Gesellschaft und Kultur. Es ist der Kampf des Christentums um seine Unabhängigkeit von zeitlichen Gewalten; damit der Kampf der Religion um ihre Eigenständigkeit gegenüber wesensfremden Mächten und Zwecken. Die Haltung der Päpste wurzelte in dem Grundsatz, die kirchliche Macht stamme von Gott, ihre Fortpflanzung von Träger zu Träger habe daher auf rein geistliche, d.h. ihr wesensgemäße Weise vor sich zu gehen, und ihre Ausübung von außerkirchlichen Instanzen frei zu sein. Also eine Grenzziehung gewaltigster Art; ein Hervortreten des Religiösen zu reiner Darstellung und Auswirkung seines Wesens. *l
Das gleiche vollzieht sich auf dem besonderen Gebiet religiöskirchlichen Gesamtlebens, das uns hier beschäftigt, nämlich der Theologie. Wie sich die Kirche als geformte religiöse Gemeinschaft
*1 Anmerkung: Dieser Aufsatz möchte nicht mißverstanden werden. Getragen von tiefer Ehrfurcht vor dem »ersten Meister der Scholastik«, sucht er einen seiner tiefen Gedanken auszuschöpfen. Hoffentlich brauche ich mich nicht gegen eine Festlegung auf »Anselmismus«, » Platonismus« oder ähnliche Rubriken zu wehren. An den jugendfrischen Gedanken Anselms soll hier das Wesen von Wissen und Glauben, natürlicher und übernatürlicher Wissenschaft sowie die rechte Ordnung ihrer gegenseitigen Beziehungen betrachtet werden. Zuversichtlicher, rationaler Erkenntnis ihr volles Recht zu wahren, ungebrochener Gläubigkeit desgleichen, und das Verhältnis zu sehen, das beide organisch verbindet - darum geht es hier. Nicht aber etwa, Anselm anderen Schulen oder Richtungen gegenüber zu proklamieren. Wir leben in einer Zeit der Abstempelungen; dixisse juvabit!

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