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»Sorge um den Menschen«

1. Die Sorge um den Menschen drückt sich in einer Frage aus, von der man nicht weiß, ob sie beantwortet werden kann.
Im Lauf der Zeit und durch die Räume der Erde hin wird von den Völkern der Geschichte das Menschenwerk aufgebaut: ein unabsehlicher Zusammenhang von Erkenntnissen, Taten und Gestaltungen, durch die die Natur in Besitz genommen, den Bedürfnissen des Menschen dienstbar und zum Ausdruck seines inneren Lebens gemacht wird.
Dieses Werk wird jeweils vom Einzelnen geschaffen. Jeder tritt aber auch in die Arbeitssituation ein, welche die vor ihm Lebenden hinterlassen haben; er übernimmt ihre Leistung und darin die Motive, die sie bewegt, und die Probleme, um die sie sich gemüht haben - ebenso wie er seinerseits das von ihm Geleistete und Gemeinte an die nachfolgenden Generationen weitergibt. So steht er im Zusammenhang eines allgemeineren Schaffens, und man kann von einem Werk der sozialen Gruppen, der Völker, schließlich der Menschheit reden.
Indem der Einzelne diese objektive Kultur hervorbringt, entwickelt er zugleich seine individuellen Anlagen, erfüllt er den Sinn seiner persönlichen Existenz. Im Werden seines Werkes wird er selbst - so weit das Schicksal ihm die Gunst gewährt - zu Jenem, der er sein möchte und sollte. Nun erwacht aber die Frage: Wie stehen diese beiden Linien des Handelns und Werdens zueinander?
Die optimistische Anschauung sagt: jede realisiert sich in der anderen. Indem der Mensch seinen Anteil am Menschheitswerk leistet, verwirklicht er sich selbst - anderseits wird das Werk Aller um so reicher, je voller es den Lebenssinn der schaffenden Einzelnen ausdrückt. Der objektive Zusammenhang

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