Romano Guardini Online Konkordanz
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Zweiter Brief
VON DER CHRISTLICHEN VERANTWORTUNG FÜR DIE WELT
(13.8.1963)

Die im ersten und ebenso die in diesem Briefe enthaltenen Gedanken versuchen, einen Beitrag zur Deutung unserer Existenz von der Offenbarung her zu geben - was auch einen Beitrag zu jenem Verständnis der Offenbarung darstellt, die von der Gegenwart her möglich und gefordert ist.
Der - vorsichtiger gesagt, ein - Ausgangspunkt dafür ist das heute mögliche und geforderte Verhältnis zur Welt. In meinem Buche »Sorge um den Menschen« *1 habe ich zu sagen versucht, worum es da geht.
Wir müssen die Welt in einer neuen Weise sehen - und der Wandel, um den es dabei geht, ist bereits im Gange. Damit soll aber nicht gesagt sein, die alte Weise sei einfachhin falsch gewesen. Sie war die für ihre Zeit mögliche und - da es sich dabei ja auch, ja zuerst um etwas Existentielles, um eine Grundform lebendigen Verhaltens handelt - richtige. Aber jedes Motiv im Empfinden und Wollen und Denken des Menschen, wie er nun einmal ist, geht ins Extreme. So ist aus der Notwendigkeit, einer gewaltig erlebten Welt gegenüber christlich unabhängig zu werden, und aus dem Willen, ganz zu Gott hinüberzukommen, eine Haltung entstanden, welche der Welt ihr Recht, auch von Gott her gesehen, nicht gab. So konnte dann das Gefühl von Renaissance und Neuzeit dem Mittelalter
*1 Werkbund-Verlag, Würzburg [3. Aufl.] 1967.

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