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Karl Neundörfer hat gewußt, worum es ging! Er stand zur Jugendbewegung, zum Quickborn in seinen letzten Tagen selbstverständlicher und fester als je. Er wußte, wenn man fragt: Wie werden lebendige Dinge, geistige Dinge? Wie sieht solch ein Werden aus, sobald man es nicht aus der deutenden Rückschau der Vergangenheit her sieht, sondern in der lebendigen Gleichzeitigkeit? Dann heiße die Antwort: So, wie die Jugendbewegung! Genau so ineinanderverwoben Tiefes und Oberflächliches; Armseligkeit und Enge und Verbiegung aller Art; darin aber ein Wesenhaftes, Gültiges. Und es kommt nur darauf an, ob Menschen da sind, denen Herz und Wille nicht müde wird; die es hindurchtragen, auch wenn sie vielleicht nicht wissen, zu welchem Ziel. Als das geschah, daß er mit 41 Jahren weg mußte, in meiner nächsten Nähe, ohne daß ich hätte helfen können; heraus aus all dem Begonnenen; als jeder Tag mir deutlicher zeigte, was nun für immer zerstört sei, da habe ich mich gefragt, wo der Sinn von all dem liege. Da ist mir eines Tages eines klar vor die Seele getreten: Das Innerste in Karl Neundörfers Haltung war die Bereitschaft. Das war die Stelle, wo er allem offen stand. Und nun ist er ganz plötzlich weggenommen worden. Die Kurve seines Lebens war im stärksten Steigen begriffen. Fortwährend erschloß sich ihm Neues, öffnete sich ihm das Vertrauen der Menschen; und die stille Meisterschaft wuchs, die weiß, daß sie der Aufgaben Herr wird. Daß er nun das Müdewerden nicht kennengelernt hat, die Skepsis, das Altern; daß er ganz rasch aus der Fülle der Kraft weggenommen worden ist, und aus der Bereitschaft heraus, die das Tor öffnet in Gottes Barmherzigkeit, das trägt eine helle Größe in sich. Es hat etwas von Auserwählung. Und wie ein Gleichnis davon ist es, daß es in den Bergen geschah, plötzlich und ohne Schmerzen und in der Klarheit des Vormittags. Im Fextal bei Sils-Maria, 22. August 1926 | ||
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