Romano Guardini Online Konkordanz
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212.
Brief vom 16.11.1956, aus München.
München 16.11.56
Lieber Josef,
gerade habe ich Deinen Brief erhalten, vielen Dank. Es wäre sicher gut, wir könnten einmal über alles sprechen. Du würdest aber besser nicht an einem Mittwoch kommen, weil ich da immer durch die Vorlesung in Anspruch genommen bin.*1195 Am passendsten wäre mir ein Dienstag oder Freitag. Gib mir aber bitte bei Zeiten Bescheid, damit ich mich einrichten kann.
Wegen der Augensache*1196: Mir ist das Gleiche vor etwa 30 Jahren geschehen, und ich kann seitdem das linke Auge nicht mehr gebrauchen. Das rechte hat sich aber adaptiert, und ich habe ja seitdem allerlei gelesen und geschrieben.
Du bist wohl schon bei einem guten Augenarzt gewesen? Man kann nämlich viel für eine Resorption des Blutergusses tun. Auch kommt es darauf an, ob dabei eine Narbe entstanden ist. Und endlich und vor allem, wo die Stelle sitzt. (Bei mir z.B. sitzt sie in der Pupille, und das ist ungünstig.)
Übrigens hast Du, glaube ich, einen falschen Konnex zwischen dem Schmerz und dem Erguß hergestellt. Letzter bewirkt keinen Schmerz. Der geht auf nervöse Überanstrengung oder auf irgendwelche Entzündung zurück.
Auf jeden Fall geh gleich zu einem guten Augenarzt. Das ist das wichtigste.
Wir sind eben beide in den Jahren, von den[en] wir, secundum scripturam, Anlaß haben, zu sagen: »sie gefallen mir nicht.«*1197 Aber doch nur secundum quid*1198, nicht wahr? In ihnen ist auch viel Schönes.

1195 Vorlesungsankündigung WS 1956/57: Pascal, seine Erfahrung von der Natur, vom Menschen und vom Religiösen, Montag, Donnerstag 18-19 Uhr; Das Wesen der christlichen Existenz, Mittwoch 18-19 Uhr (M 1109).
1196 Weiger richtete am 14./17. November 1956 ein Pensionierungsgesuch an Bischof Leiprecht, u.a. mit der Begründung, eine Ader im rechten Auge sei gesprungen.
1197 »gemäß der Schrift«; Koh 12,1: »(...) die Jahre, da du wirst sagen: Sie gefallen mir nicht.«
1198 »gemäß diesem (Bestimmten)«.

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