Romano Guardini Online Konkordanz
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zauberischen Licht. Das hat Macht in sich, steht im Raum, waltet durch ihn hin, wie ein Wesen. Ganz klar ist es; ohne irgendein Schatten des in sich, und doch so tief und voll Geheimnis.
Das Geheimnis, das im Dunkel des Chaos, in der Undurchsichtigkeit verworrenen Seins versinkt, ist gar nicht das tiefste. Die innigste Verborgenheit liegt in der ganz hellen Form; in der Gestalt, die keinen versteckten Winkel mehr hat. Sie liegt im Lichte selbst. Aber freilich: in diesem Licht, welches die Klarheit des Geistes und die innige Schönheit des Herzens und die sehnsüchtige verwandelnde Gewalt der Liebe hat.
Ich glaube, niemand begreift, was für Platon und wieder für Augustin die Idee war, der das Geheimnis dieses Lichtes nicht spürt. Und ebenso nicht, was Johannes mit dem Logos meint, von dem er sagt, daß er »Licht« sei. Der Logos, welcher verheißt, daß er im Geiste aufstrahlen und das Herz berühren, und geben will, daß man ihn lieben könne; in dessen Licht einst der neue Himmel und die neue Erde sein wird, die keine Leuchte mehr brauchen, sondern von Ihm selbst durchstrahlt sind.
Unterhalb der kleinen Holzbrücke führt noch eine andere über den Kanal. Wir standen in ihrer Mitte und sahen dem Strom entgegen, wie er von fern herankam und rasch unter der Wölbung wegglitt. Kein Laut war zu hören. Um uns her der weite Raum. Die Formen des Kanals und der Waldstirnen gingen groß dahin, im lebendigen Wesen empfunden. Und immerfort strömte, weit vom Rande des Sehkreises her, rasch, unermüdlich wie ein großes, seltsames Wesen aus flüssiger Kraft, das Wasser, rasch, ohne Laut, ohne einzelne Bewegung und glitt unter uns weg.
In der Höhe, im sommertiefen Himmel, standen mächtige, schwer aufgetürmte Wolken. Ihre Kuppen, erst schimmernd weiß, färbten sich golden, und drunten, in der stillen, glatten, eilenden Fläche kehrten sie wieder, und waren von noch sehnsüchtigerer Schöne.



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