Romano Guardini Online Konkordanz
Treffernummer:

 < Seite 316> 


die Scham, sondern auch die Standkraft der Person zum Verfall.
Das weiß die Diktatur. Kein besseres Mittel, den Menschen zu brechen, als die Veröffentlichung des Daseins.
Vergegenwärtigt man sich diese Zusammenhänge; bedenkt man, was mit dem Menschen geschieht, wenn all der Lärm immerfort über ihn herfällt – leuchtet dann nicht ein, welch gute Bestimmung des rechten Mannes es wäre, zu sagen, der Gentleman sei Einer, der die Kostbarkeit der Stille fühlt? Der um die von allen Seiten angetobte Menschlichkeit Sorge trägt und sich bemüht, ihr, soviel an ihm liegt, ein bißchen Raum zu erhalten? Dem Dämon „Lärm“ widersteht, der in alles Leben eindringt, äußeres und inneres, bis in das der Frömmigkeit? Und so einen Kampf führt, der oft hoffnungslos scheint, von dem aber doch so viel abhängt?
Auch wäre sofort klar, daß diese Haltung kein Privileg des Standes und Besitzes ist, sondern nur davon abhängt, ob Einer zur Aristokratie jener gehören will, die für das Edle und Gefährdete stehen gegen alles das, was „Straße“ heißt.
Wenn wir uns wiedersehen, magst Du mir sagen, ob Du diese Gedanken für Romantik hältst, oder ob Du denkst, sie könnten fruchtbar werden – fruchtbar freilich unter all der Unberechenbarkeit, die über der Begegnung von Gedanke und Leben waltet.
Und nun grüße ich Dich herzlich
R. G.




 < Seite 316>