Romano Guardini Online Konkordanz
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nicht nur draußen und auch nicht nur drinnen; vielmehr innerlich werdendes Außen, und hinausgetragene Innerlichkeit. Es ist gesehener Gegenstand und mit empfangenen Gestalten erfüllter Blick; vom Herzen gefühlte Form und von den Gestalten der Wirklichkeit aufgerufenes Gefühl. Ist Hand, die erst ganz sie selbst wird an der Frucht, die sie greift; Boden, der erst zum Acker wird, wenn der Mensch ihn pflügt und besät. Das erst ist jene Welt, die Gott gemeint hat, als er das Ding und den Menschen schuf.
Und auch nicht nur »das Ding« und »den Menschen«; die gibt es ja nicht. Es gibt diese Zypresse, wie sie da gewachsen ist; an dieser Stelle am Hang, wo der Windstrom, der immer abends herabkommt, sie von der Seite trifft. Und es gibt diesen Menschen, mich, der ich meinen Weg daherkomme, und mein Leben, wie es bis hierher gewesen ist und das Erbe der voraufgehenden Vergangenheit in mir trage. Hier komme ich, sehe die Zypresse, und zwischen uns beiden begibt sich die Begegnung. Und wenn ich recht zu ihr komme und sie sehe - wer aber weiß, was sie dabei tut? Ob es nur »ein Märchen« ist, wenn die Märchen sagen, auch die Zypresse sehe und spreche? - dann wird aus ihr und mir, in diesem unserem Gegenüber, in dieser Stunde, »Welt«.
So wird stetsfort, wo immer ein Mensch einem Ding begegnet, jene Welt, die Gott gemeint hat. Immer neu. Und sie wird, was Gott gemeint hat, in dem Maße, als der Mensch den Dingen recht begegnet: rein, ohne Selbstsucht, mit offenen Augen und empfänglichem Herzen; so, wie es die Meinung des Augenblicks fordert.
Hierin besteht der Schöpferdienst, zu dem Gott den Menschen gerufen hat: daß immerfort, in seiner Begegnung mit den Dingen, die eigentliche Welt werde. Daß er selber erst werde, indem er an die Dinge gerät; schaut, versteht, liebt, an sich zieht und abwehrt, schafft und gestaltet. Daß die Dinge sie selbst erst ganz werden, wenn sie in den Bereich des Menschengeistes, seines Herzens und seiner Hand gelangen. Diese Welt wird immerfort; leuchtet auf und erlischt wieder.




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