Romano Guardini Online Konkordanz
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echte Historiker nicht auch die Fähigkeit haben, mit weitherzigem Sinn das alles zu umfassen? Allein man begegnet oft einem merkwürdigen Doppelwesen. Darin geht der Blick für geschichtliche Abhängigkeit so weit, daß ihm alles Absolute entschwindet. Daneben aber steht ein mit solcher Relativität gar nicht vereinbarer Rigorismus und ist völlig blind für die Bedingtheiten dort, wo es vorgefaßter Meinung nicht paßt, nachsichtig zu sein. Doch das ist schließlich eine Frage des Charakters, gerade so wie die, ob einer Humor hat. Die Fähigkeit, Absolutheit und vielfältige Menschenbedingtheit zugleich zu umfassen, ist selber ein kostbarer Familienzug katholischen Geistes. Sie gehört auch zu jenen elementaren Einstellungen, vor denen allein sich das Große erst eröffnet: die ganze Natur, das ganze Menschenleben und die ganze Religion.
Heilers Buch steht im Zeichen einer sterbenden Zeit, einer Zeit, die relativistisch war im Denken und absolut nur in ihren Vorurteilen. Seine beste Leistung besteht darin, gezeigt zu haben, wie ohnmächtig gegenüber dem Katholischen der Geist ist, aus dem es kommt. Die heraufziehende Zeit wird dogmatisch sein im innersten Wesen und eben deshalb zugleich offen für alles, was ist und lebt. Sie wird mit einer inbrünstigen Kraft die Riesenerscheinung des Katholischen begreifen und im Stande sein, es zu lieben und zu leben.




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