Romano Guardini Online Konkordanz
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einer Generation, die dem Gestern angehört? Bedeutet vielleicht die Entwicklung der menschlichen Macht mit ihren Objektivationen, daß der Mensch aufgehört hat, als Subjekt in der Geschichte zu stehen und nur noch Durchgangsstelle von Vorgängen ist, welche sich seiner Reichweite entziehen? Daß nicht mehr er die Macht, sondern die Macht ihn regiert? Wenn der Mensch überhaupt mit den heute lebenden Menschen gleichgesetzt werden müßte, wäre die Antwort auf diese Frage zum mindesten sehr zweifelhaft. Demgegenüber meldet sich aber eine Hoffnung, deren Inhalt nicht leicht zu bestimmen ist.
Sie hat einmal eine rein religiöse Form und drückt sich im Vertrauen aus, Gott sei größer als alle Weltprozesse. Er habe sie in seiner Hand; so könne seine Gnade jederzeit in eine Welt einwirken, deren Normbild nicht das Funktionieren der Maschine, sondern das Schaffen des lebendigen Geistes sei.
Eine andere Hoffnung richtet sich auf die Schoßtiefe der Geschichte. Wir haben ja wohl eingesehen, daß die mechanistische Deutung des Daseins versagt. Gewiß ist alles Geschehen kausal bestimmt; es gibt aber nicht nur die mechanistische, sondern auch die schöpferische, nicht nur die in Notwendigkeiten verlaufende, sondern auch die spontane Kausa1ität *25. Sie wirkt schon im Biologischen und Psychischen; im Geschichtlichen wird sie maßgebend. Nichts ist wirklichkeitsferner, als der Begriff eines mit Notwendigkeit verlaufenden Geschichtsprozesses. Hinter ihm steht keine Erkenntnis, sondern ein Wille. Das dürfte wohl jedem klar geworden sein, der fähig ist, aus Geschehnissen zu lernen; denn dieser Wille hat sich in einer Weise gezeigt, welche metaphysische Ruchlosigkeit ist. In Wahrheit kann man den Fortgang der Geschichte nicht vorausberechnen, sondern muß ihn entgegennehmen, bzw. selbst bestimmen. Die Geschichte fängt in jedem Augenblick neu an, sofern sie in
*25 Vgl. dazu Guardini, »Freiheit, Gnade, Schicksal«, München 11956, S. 173 ff.

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