Romano Guardini Online Konkordanz
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Jugendbewegung. Wie fragwürdig beides ist, weiß ich wohl. Und dennoch besteht hier eine Möglichkeit des Wortes und des Blickes, die neu ist, und die eine Verheißung scheint für etwas, was kommen muß. Und damit wird auch zusammenhängen das Weitere: daß uns der Andere wirklicher wird; deutlicher da. Es wird dem Menschen immer schwerer werden, mit gutem Gewissen zu besitzen, zu genießen, während der andere entbehrt. Das ist nichts Ethisches, sondern etwas Seinsmäßiges. Etwas, was mit der inneren Umformung zusammenhängt, die vor sich geht. Und es wird sich durchsetzen!
Und nun ein Drittes: wir können überall einen eigentümlichen Wirklichkeitshunger beobachten. Überall drängt der Mensch aus dem Abstrakten ins Konkrete; aus den Formen und Begriffen zum Ding; aus den bloßen Zahlen und Quantitäten zur Qualität, zur Eigenschaft; aus den zusammensetzenden Einzelheiten zur Ganzheit und Gestalt. Wir sehen überall den Menschen vor die konkreten Dinge treten, den Blick für sie auftun und sein Leben erfassen als konkrete Begegnung mit ihnen. An vielen Stellen ließe sich das aufzeigen, und es ist beglückend, das zu sehen.
Hier spüren wir neue Haltung. Es bildet sich ein Standort, ein Maßstab, ein Hebelpunkt, von wo aus ein Mensch an sein Werk gehen kann: in seinem gottverpflichteten Innen. In einer neuen Selbstverständlichkeit tritt der eine zum anderen. In diesem nüchternen Zum-Andern-Treten liegen Keime, wie aus Masse Menschengemeinschaft werden kann. Und der Mensch, der die Dinge so lange gesehen hat durch die Brille des Begriffs, und sie gefaßt hat mit Zahlen und Apparaten, tritt wieder vor die Dinge selbst. Und bekommt so gleichsam die Materialien neu in die Hand, mit denen er aus jenem Standpunkt und aus jener Kraft neue Welt bauen kann.




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