Romano Guardini Online Konkordanz
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Liebe offen sein wird; und die Prophetie, besonders der zweite Teil des Isaias-Buches, zeigt den Weg.
Bei Kafka nun ist die Personalität Gottes zergangen. Es ist wohl Göttlichkeit da, aber sie ist ganz anonym geworden, wie sich das in den verschlossenen Türen und unzugänglichen Beschlußinstanzen seiner Romane „Das Schloß“ und „Der Prozeß“ ausdrückt. Alle jene Momente, welche Gottes Unbegreiflichkeit ins Helle, in die Wahrheit und Treue führen, sind verschwunden. Was bleibt, ist dumpfe Unverstehbarkeit. Aus dem Herrn, der wohl furchtbar in seinem Zorn, aber auch großmütig in seiner Gnade, nah in seiner Güte, innig und zart in seiner Liebe ist; dessen Geheimnis immer wieder durch Erfahrungen erleuchtet wird, wie sie die Psalmen 120, 129, 130 und viele andere ausdrücken, ist eine ferne, dunkle, drohende Macht geworden.
Kafkas Leben war durch die charakterlich übermächtige Gestalt seines Vaters überschattet, mit der er als Person nie fertig geworden ist. Was im Verhältnis zwischen Vater und Sohn an Einengendem und Vergewaltigendem, an unverstehbarer Beeinträchtigung des eigenen Lebensrechtes, an Ohnmacht und Groll liegen kann, dringt vor und beherrscht alles. Ein bestimmtes Element der alttestamentlichen Existenz, aus dem Zusammenhang herausgelöst, wächst ins Übermaß, verbindet sich mit natürlichen Daseinserfahrungen, und es entsteht die undurchdringliche, schaurige und zugleich faszinierende Atmosphäre der Kafka’schen Dichtung.




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