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Heute morgen zur Messe im Dom. Man ist sich einig, daß er künstlerisch nicht viel wert sei, pompös und was immer – z.B. nicht fähig, neben dem herrlich klaren St. Ambrogio zu bestehen. Und dennoch erfaßt einen immer wieder die Macht des gewaltigen, dämmernden Raumes zwischen den vielen, riesigen Pfeilern, in dem man so feierlich hingehen kann. Am Nachmittag sind wir an den Lago Maggiore gefahren. Aleardo hat mir von seinen schweren Sorgen erzählt, und wir haben bedacht, ob ein Weg, den P. Babolin gewiesen hat, vielleicht gangbar sei. Milano, Mo. 5. Okt. 53 Picassos Ausstellung im Palazzo Reale; etwa 800 Werke. Sie haben mich ganz durcheinander gebracht. Ich habe nicht gewußt, daß P. so stark sei. Mir stand er als ein Könner und zugleich als ein Experimentierer, vielleicht sogar Bluffer im Bewußtsein. Er ist mehr. Nicht groß, in der echten Bedeutung des Wortes, aber stark, und von heftiger Produktivität. Seine ruhigen Dinge – z.B. die Kinderbilder, manche von ihnen – sind schön. Die Vasen und Teller zum Teil echte antike Tradition. Die anderen, surrealistischen, oder wie man sie nennen soll, erschreckend. Mit einer grausigen Monotonie, freilich immer neuen Mitteln in Farbe und Form, wird das Gleiche getan: die innere harmonische Bindung der Menschengestalt gesprengt. Von dorther treiben jeweils die verschiedenen Elemente von ihr hinaus: Glieder, Organe, Bewegungen. Immer wieder kam mir die Parallele zur »Sprengung des Atoms« ins Bewußtsein. »Natur« ist der Inbegriff der Kräfte, aber gebunden und bezogen. Hier wird Natur gesprengt, und die Elemente stürzen als Leidenschaften, als Entstellungen, als Explosionen heraus. Die Person wird vernichtet. Aus dem Menschen werden Tiere, Blöcke, Maschinen. Es sind die Impulse, die die letzten Kriege und Totalaktionen bewirkt haben. | ||
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