Romano Guardini Online Konkordanz
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Die Elegie ist ein Gedicht, das die Todesbedrohtheit des Lebens, die Vergänglichkeit des Schönen, das Durchwobensein der Freude durch den Schmerz ausdrückt. Man kann das Geflecht aber auch von der anderen Seite her bestimmen: die Elegie zeige, wie der Tod doch wieder im Leben aufgeht; die Schönheit trotz des Vergehens, ja vielleicht gerade seinetwegen leuchtet; auch noch im Schmerz die Freude kostbar bleibt. Rilkes Brief an Witold von Huléwicz sagt, die Aufgabe der Duineser Elegien bestehe darin, das Ganze des Daseins zu "feiern", in welchem Leben und Tod, also auch Sinn und Vergänglichkeit, Freude und Leid eine Einheit bilden und, wenn das Herz sie ganz in sich aufnimmt, ihre volle Identität in der Innigkeit der Welt finden.
Unsere Elegie hätte wohl ebenfalls dieser Aufgabe dienen sollen; sie unterscheidet sich aber doch von den Duineser Dichtungen. Die Erschütterung, die sie ausdrückt, geht tiefer als jene, die dort ins Wort gelangen - so tief, daß man sich fragt, in welcher Weise, nachdem die Puppe sich zu einem Idol magischer Bosheit verdichtet hat, die "Feier" der Einheit im Dasein noch hätte gelingen können. So versteht man, daß Rilke den für die Veröffentlichung bestimmten Text *32 abbrechen läßt, bevor das Zerstörende seine ganze Feindseligkeit entwickelt hat.
Doch bedauert man, daß der große Entwurf nicht ganz durchgeführt, kein neues Motiv aufgetaucht ist, das die zerstörende Kraft der Antithese zu einer im Rilkeschen Sinne triumphierenden Einheit gebunden hätte. Eine Dichtung wäre entstanden, welche die zehn der Schloßherrin von Duino zugeeigneten Elegien im Rang erreicht, sie vielleicht sogar übertroffen hätte.

*32 Werke, II, S. 130ff.



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