Romano Guardini Online Konkordanz
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Ein großes Geschehen. Man ist ästhetisch versucht, aus dem Bericht ein Bild herauszulösen, in welchem eine antike Mysterienhandlung erschiene: Wie die jungen Frauen, geführt von der Uralten, von weit her, von kaum zugänglichen Höhen herabkommen ... eine hinter der anderen, damit kein Wort zur Nachbarin das vollkommene Schweigen durchbreche ... wie sie am Ort der Erscheinung anlangen; zuerst die Toten im Friedhof ehren, dann aus der heiligen Quelle trinken, darauf in Mühsal den Weg Christi zum Kreuz nachvollziehen ... wie sie dann, in tiefem Schweigen, in das Heiligtum eintreten und dort, vor dem Altar niedergestreckt, lange beten ... dann die Alte sich erhebt, ihnen an der Pforte das geweihte Wasser reicht, damit sie sich mit ihm bezeichnen ... sie wieder an der heiligen Quelle trinken und endlich, hintereinander gereiht, in das Schweigen vollkommener Sammlung gehüllt, den Weg zurückgehen; nach den beiden Tagen und Nächten des Herwegs wieder zwei Tage und Nächte heim in ihr hartes Leben ...
Man ist, wie gesagt, versucht, das Bild herauszulösen; die Geschichte des Ortes sowohl wie die Reflexionen des Berichtenden abzustreifen, und es wie ein zeitloses, kultisch-strenges Tun anzuschauen – um so abgelöster, als es nicht unmittelbar vor den Leser hintritt, sondern dem Sich-Erinnernden geheimnisvoll, wie Augustinus sagt, aus „den weiten Hallen des Gedächtnisses“ aufsteigt. Das wäre aber falsch; hier ist nicht Antike und noch weniger Ästhetik, sondern christliches Tun und Erleben.
Richtiger wäre es, an das Bauwerk zu denken, in dessen frühmorgendlichem Dämmer der Mann Durtal einsam-gesammelt sitzt. In den Bildwerken der Kathedrale von Chartres lebt antike Form; aber sie ist ergriffen und durchwaltet von dem christlich-mystischen Erleben, wie es dem Mittelalter gegeben war. Aus diesem heraus muß auch der Vorgang angeschaut werden, in welchem die Frauen des Berichts ihren Glauben, seiner elementaren Größe unbewußt, handelnd und betend ausdrücken.




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