Romano Guardini Online Konkordanz
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ist damit nie fertig. Denn der Andere ist ja noch nicht beendet, und um so weniger, je lebendiger er ist. Je tiefer er lebt, desto später hört er auf, sich zu wandeln und neu zu werden. So muß die Liebe ihn immer neu annehmen, sonst würde sie ihm ja das Wachsen abschneiden und ihn für fertig erklären. Vielmehr spricht sie: »Sei Du selbst, und werde zu dem, der Du werden sollst. Ich bin bereit und immer neu sollst Du geliebt sein!«
Darin, daß die bräutliche Liebe die Wirklichkeit aufnimmt, immerfort, Feiertag und Alltag, vollzieht sich ihre Verwandlung.
In diesem Sich-Verwandeln läuft die zweite Geschichte jene, die Gott mit dem Sakrament der Ehe eigentlich gemeint hat. Indem die bräutliche Liebe den Anderen will, wie er ist, nicht wie sie ihn sich zurechtgeschaut hat; seiner nicht müde wird, sondern ihn Tag um Tag neu empfängt; ihn nicht fertig zu besitzen glaubt, sondern immer neu gewinnt - darin, in Treue und Geduld, wird sie zur ehelichen Liebe. Diese ist tiefer als jene, weil tiefere Bereiche des Inneren sich einsetzen; sie ist reiner als jene, weil sie aus freierer Selbstlosigkeit kommt; sie ist stärker, weil sie das Geheimnis der Überwindung und Ewigkeitskraft in sich hat. Und darin wird Reich Gottes.



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