Romano Guardini Online Konkordanz
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waren und doch nicht sie selbst. Daß ihr eigentliches Dasein dahinter lag, ihnen entglitten, das Gegenwärtige aber fremd und quälend; daß sie wirklich waren und ins Unwirkliche gefallen zugleich. Die Sünde, die das alles bewirkt hatte und war, haben sie als eine unbegreifliche Schrecklichkeit erfahren, wahrhaft ein Mysterium iniquitatis: das furchtbare Geheimnis ihres leibhaftigen Daseins.
Als solche leben die Stammeltern in uns.
Sind wir selbst nicht so? Stehen im Dasein mit seinem Kampf, mit seiner Not, mit den Widerständen, den Schmerzen, mit dem Tod? Wir selbst aller Armseligkeit und alles Bösen voll? Und etwas in uns weiß doch, daß eine andere Möglichkeit bestand. Hinter unserem jetzigen Dasein steht sie als eine andere Schicht, als verlorene. Als solche gehört sie auch zu mir, aber eben als verlorene, an die ich nicht mehr heran kann. Ich trage das verlorene Paradies in mir als ein Stück meines Seins. In mir lebt das Bewußtsein, daß ich mich nicht in dem aufgebe, was jetzt ist, sondern etwas anderes dahinter liegt, das Eigentliche - aber das ist mir verloren -, und dazwischen steht die Schuld. Damit gilt es fertig zu werden. Aber wie? Indem wir das verlorene Paradies wiederbekommen? Ein solcher Gedanke wäre Märchen, Verführung. Nein, in irgendeinem Sinne muß das Verlorene nach vorn geworfen werden können, als Aufforderung, als Zuversicht. Und da taucht die Erlösung auf ...
So waren die ersten Menschen, und so bin auch ich ...
In mir, als Jetzigem, ist noch das, was einst gewesen war, die Fülle der Unschuld, der schönen lichten Kraft, das einstige heilige Dasein, aber verloren ... Dazwischen steht die Schuld. Der Menschen Schuld. Die Schuld, die mich angeht, meine. So existiere ich als der, der ich hier und jetzt bin; aber diesem Dasein ist etwas Unsagbares eigen und entglitten ... So trifft der Mensch sich in seinem Dasein an.
Dahinein spricht Christus Sein Wort. Er erst löst das Unbegreifliche, das dunkle Geheimnis, wie ich bin, indem Er in ihm selbst zeigt, was sein soll, und verheißt, was werden wird.


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