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drüben her wurde nicht mehr empfunden, und das christliche Dasein hörte auf, ein Warten auf das Kommende zu sein. Nun dringt das alles wieder durch. Im Maße das christliche Dasein aufhört, selbstverständlich zu scheinen, hat es auch keine Veranlassung mehr, die Welt als einfachhin gegeben und sicher zu empfinden. Wer sich entscheidet, Christ zu sein, wird auch dafür offen, wie es in Wahrheit mit ihr steht. Sobald er es auf sich nimmt, in einer Welt zu leben, die ihn als fremd oder gar feindlich empfindet, blickt er nicht mehr von den Zeichen weg, die ihm die Fragwürdigkeit dieser Welt verraten. Er wird das Gefühl der Unsicherheit der Welt, das er vorher verdrängt hat, nun zulassen. Daraus wird er aber keine Philosophie trotziger Daseinsbejahung machen, sondern sehen, daß Gott der wahrhaft Seiende ist, und »die Gestalt der Welt vergeht«. Er wird sich in das Handeln Gottes hineingerufen und in das Einverständnis mit ihm aufgenommen fühlen. Von hier aus gewinnt auch das zweite Bild vom Heiligen einen neuen Sinn. Es wird deutlich, daß auch bei den großen Heiligen das eigentlich Wichtige nicht »die Vollkommenheit«, sondern die Gewalt ist, mit welcher sich in ihnen das Kommen Christi ankündigt; die Sehnsucht nach ihm und das Leben auf es hin. Das innerste Wesen des Heiligen besteht in dem, wovon das letzte Wort des Neuen Testaments und damit der Schrift überhaupt spricht. In der Geheimen Offenbarung heißt es nämlich: »Und der Geist und die Braut sprechen: ›Komm!‹ Und wer es hört, soll sagen: ›Komm!‹ Und der Durstige soll kommen, und der, den es nach dem Wasser des Lebens verlangt, soll umsonst empfangen ... Es spricht, der das bezeugt: ›Ja, ich komme bald.‹ Amen, komm, Herr Jesus!« (22,17–20) Der Heilige im ungewöhnlichen Sinn ist jener, in welchem »der Geist« zur vollen Kraft des Rufens gelangt, und das Wesen des Menschen ganz zur »Braut« im apokalyptischen Sinn geworden ist. Er ist der Christ, der vom Nahen des »Lammes« ganz erfaßt ist und ihm »entgegengeht«. | ||
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