Romano Guardini Online Konkordanz
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um irgendeinen Gedanken thematisch zu entfalten. Die Homilie, welche sich bemüht, den Text nach Zusammenhang und Einzelheiten aufzuschließen, ist ja überhaupt die wichtigste Form der Predigt. Sobald sie die Texte des Tages zum Gegenstand nimmt und ihrer ganzen Haltung nach aus der Stimmung des Gottesdienstes hervorgeht, gewinnt sie echten liturgischen Charakter. Sie stellt dann jenes Sprechen und Verkünden dar, welches dem Vorsteher der eucharistischen Feier oblag, wenn er den Genossen des heiligen Mahles vom Wirken und Leben Dessen erzählte, der nachher im Vollzug des Herrengedächtnisses unter sie treten sollte. Allerdings setzt das die Erfüllung eines alten und sehr dringenden Desiderats voraus, nämlich die breitere Entfaltung des Perikopensystems. Der gegenwärtige Zyklus der Lesungen ist auf ein einziges Jahr beschränkt. Da außerdem noch mancher Sonntag durch ein Fest verdrängt wird, ist die Zahl der biblischen Texte gering, sodaß die Predigt sich leicht wiederholt. Eine Abhilfe wäre also sehr notwendig. Dazu könnte das jetzige Jahressystem der Lesungen selbst unangetastet bleiben – wenngleich sich auch da manches verschoben hat und zurechtgerückt werden müßte – aber zwei bis drei weitere zur Auswahl hinzukommen. Das würde die Fülle der Heiligen Schrift im sonn- und festtäglichen Gottesdienst zur Geltung bringen, und der Prediger hätte eine breitere Möglichkeit, aus dem liturgischen Bestand selbst zu sprechen.
Hier soll aber von einer anderen, besonders intensiven Möglichkeit liturgischer Predigt die Rede sein, nämlich jener, die unmittelbar in den Dienst des liturgischen Vorgangs selbst tritt, der „mystagogischen Predigt“. Sie kann die heilige Handlung vorbereiten oder in einem bestimmten Augenblick aus ihr hervortreten und sie entfalten, oder sie in der Seele ausklingen lassen. Aus langjähriger Erfahrung möchte ich dafür einige Beispiele anführen.


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