Romano Guardini Online Konkordanz
Treffernummer:

 < Seite 142> 


Aber ich muß, scheint mir, den Mut haben, in meinem Denken, trotz des innigsten Anschlusses an die Vergangenheit, an die Arbeit der Großen, allein und auf mir selber zu stehen, mich der Fülle des Mannigfaltigen, Wirklichen zu öffnen, und es selbst in die großen Ordnungen des Gedankens hineinzutragen so gut ich kann. So wird der Weg rastlos weiterführen, bereit von jedem anzunehmen, aber im letzten doch allein. - Ich bitte Dich, sag mir, ist das Torheit? ist das Vermessenheit?
Aber mir selbst kam gleich ein weiterer Gedanke. Wenn es so mit den Gedanken steht, wie ists mit den Menschen? Ich gestehe Dir, es ist ähnlich. So oft näherte ich mich jemandem, ging auf ihn ein, der Funke der Sympathie sprang über, und bald fühlte ich, daß nur ein Stück meines Wesens mit ihm ging, daß ich doch, als Ganzer, alleinstand. Liebster, weißt Du jetzt, was mich an Dich bindet? In Dir finde ich dasselbe Verlangen zum Ganzen, dasselbe Vermögen, auf alles zu antworten, - aber nicht wie bei mir, sonst wäre es nur eine Kameradschaft. Bei Dir gravitiert das Ganze nicht in die Theorie, sondern ins Leben, in die Seele, - gerade das, was mir fehlt. Deshalb ist jeder Gedanke, den Du äußerst, mir wertvoll, auch wenn er mir sachlich nicht unbekannt ist, denn ein Element ist in ihm, das ich nicht habe. Siehst Du, abgesehen auch von der Freundschaft, die nachdem sie geschlossen ist, sich nie mehr revidiert, die ein Gegebenes bleibt, - abgesehen davon finde ich in Dir diejenigen Vorbedingungen, die mir ein Weitergehen unmöglich machen, nämlich eine Endgültigkeit und unabsehbare Möglichkeiten zugleich; ein progressus nicht über Dich hinaus, sondern in Dich hinein, und mit Dir in die Wirklichkeit hinaus; mir gleichgeartet in der Hinordnung auf das Ganze des Seins, und doch im Gegensatz dadurch, daß die innere Welt bei Dir im Leben gravitiert, bei mir in der Theorie; bei mir im Objektiven, bei Dir im Persönlichen. Und doch wir beide vom andern soviel haben, um einander folgen zu können. Siehst Du, das macht mich hierin froh, daß ich weiß, wir können unser nie überdrüssig werden, schon rein dem seelischen Bestand nach, weil jeder im anderen vor sich sieht, was er in dieser Form nicht hat, und doch auch einander nie fremd, weil wir beide in gleicher Weise*367 auf das Ganze eingestellt sind, auf die Totalität des Wirklichen, wenn auch auf verschiedene Seiten desselben. Das ist schön; es macht so sicher und ruhig. Ich möchte immer mit Dir sein, und doch bin ich ganz frei und meiner mächtig neben Dir; ja; vielleicht bin ich erst an Dir mir meiner selbst ganz bewußt geworden.

367 Durchgestrichen: in gleicher Weise.

 < Seite 142>