Romano Guardini Online Konkordanz
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3.
Brief vom 13.08.1909, Mainz.
Lieber Josef!
Die Examina sind herum. Nun hab' ich mehr Zeit. Daß es Dir nicht gut ging, hat mir sehr leid getan, aber ich freue mich doch, daß Du Dich zum Ausspannen entschlossen hast. Es ist auch gut für das Ausreifen jener in Beuron besprochenen Dinge, nicht? Aber, wie geht es Dir jetzt? Ists besser? - Bei mir spielt die Gesundheit immer Schaukeln, auf und ab. Diesen Herbst muß ich wieder ins Seminar, weils das letzte Jahr ist. Ich weiß nicht, wie es gehen wird. - Die Gedanken und Spekulationen purzeln noch immer lustig durcheinander. Hettinger*50 hatte schon recht: mit dem Erkennen ists wie mit einer Kugel: je größer sie wird, desto mehr merkt man, was draußen liegt. Und doch mein' ich, ich sollte all das Entdecken und Zusammentragen nicht hemmen. Es wird schon die Zeit kommen, in der die eigentliche Produktion aufhört und man froh ist, Material zu haben. Mir ists oft, als sei das intellektuelle Hinstellen des Baues erst die äußerliche Arbeit. Wenn die dogmatischen Zimmer gebaut sind, dann müßte erst das Wohnen beginnen, das religiöse ­Ein­leben und vertrautere Eindringen, - meinst Du nicht?
Was mich unruhig macht, ist, die Pläne, und ungegangenen Wege vor mir zu sehen, und der Zweifel, obs jemals zu einigem Fertigmachen kommen werde, zumal einige Ereignisse der letzten Zeit, über die ich Dir einmal mündlich sagen werde - das nächste Mal in Beuron, nicht? - auch die Aussicht auf die Promotion und das was mit ihr zusammenhängt, weiter abgerückt haben.*51 Im Grunde ists das Alte: kein rechtes Gottvertrauen. Theoretisch seh ich das ein. Aber bis zur Gesinnung ists noch weit.
- Zugleich mit dem Brief schick' ich Dir einen kleinen Aufsatz, der in Straßburg entstand, auf der Heimreise von Ailingen.*52 Brauchst ihn

50 Hettinger, Franz (1819, Aschaffenburg, bis 1890, Würzburg), katholischer Theologe. In der Bibliothek Mooshausen befinden sich: Apologie des Christenthums, Freiburg i. Br. (1863-67) 9. Aufl. Freiburg 1906; Die »Krisis des Christenthums«, Protestantismus und katholische Kirche, Freiburg 1881. Andere Werke: Lehrbuch der Fundamental-Theologie oder Apologetik, Freiburg 1879; Aus Welt und Kirche. Bilder und Skizzen, Freiburg 1885.
51 Guardini wurde mit Neundörfer wegen einiger kritischer Bemerkungen über das Priesterseminar für ein halbes Jahr von der Weihe zurückgestellt; diese erfolgte erst am 28. Mai 1910 durch Bischof Dr. Heinrich Kirstein im Mainzer Dom.
52 Der Aufsatz ist nicht erhalten (es handelt sich möglicherweise um Guardinis frühe Arbeit: Rez. zu P. Sebastian Oer, Unsere Tugenden. Plaudereien, 3. Aufl. Freiburg 1908, in: Der Akademiker 2, 5 (März 1910), 79-80; oder um: »Beuroner Madonnen«, in: Der Akademiker 2, 7 (Mai 1910), 104f.; beide Artikel nicht bei M). Ailingen bei Friedrichs­hafen war Heimatort des Tübinger Kommilitonen Joseph Eberle. - Zu Straßburg vgl. Br. 33. - Am Straßburger Priesterseminar lehrte von 1903 bis 1918 der Kirchenhistoriker, Patrologe und Byzantinist Albert Ehrhard (14.3.1862, Herbitzheim/Elsaß, bis 23.9.1940, Bonn), der auch von Weiger erwähnt wird.

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