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Unmittelbares und gewußtes Beten [1919] Grenzen wir zunächst die beiden Typen des unmittelbaren und des vermittelt-gewußten religiösen Verhaltens gegeneinander ab. Das geschieht wohl am besten an einem konkreten Fall. Ein »gewußter« (reflexer) Akt des Glaubens ist in den Worten enthalten, mit denen meistens »die Tugend des Glaubens erweckt« wird. Darin besinnt sich der Gläubige darauf, daß er glaubt; er macht sich klar, worauf dieser Glaube begründet ist und formt die Tatsache der so bewußt gewordenen Überzeugung in eine an Gott gerichtete Beteuerung. Dieser ganze Akt ist »reflex«, das heißt, sein Kern stellt eine Selbstbesinnung und eine Formung ihres Ergebnisses dar. Anders das seelische Verhalten, wenn der Gläubige in einem Lied oder Gebet des Dankes Christi Erlöserliebe preist. Auch darin ist Glaube, und zwar kann er nach Kraft der Überzeugung wie nach Reichtum des Inhalts vollkommen sein. In seinem inneren Bau ist dieser Glaubensakt aber von dem oben beschriebenen verschieden. Das Ich blickt darin nicht auf sich und die Tatsache seiner Gläubigkeit, es schaut vielmehr unmittelbar auf Gott und spricht den Inhalt seines Glaubens in Dank und Anbetung aus. Das ist ein »unmittelbarer« (direkter) Glaubensakt. Das Ich ist sich nicht oder nicht notwendig - der Tatsache bewußt, daß es glaubt, gerade weil es ganz im Glauben lebt, weil seine Aufmerksamkeit ganz vom Gegenstand des Glaubens in Anspruch genommen ist. Und es weiß um so weniger von ihr, je ungeteilter und tiefer es in seinen Gegenstand eingegangen ist. Aus dem Gesagten ergibt sich leicht, was beide Verhaltungsweisen im Gesamten des religiösen Lebens bedeuten. Das regelmäßige, gesunde religiöse Leben vollzieht sich offenbar in unmittelbaren Akten. Nach dem psychologischen Grundgesetz des Bewußtseins kann ein seelischer Vorgang, solange er | ||
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