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Kultbild und Andachtsbild Brief an einen Kunsthistoriker [1937] Verehrter Herr Doktor! Gerade habe ich die schöne Arbeit gelesen, in welcher Sie den Wandel schildern, den Charakter und Haltung des Christusbildes von den Anfängen der christlichen Kunst an bis auf unsere Zeit erfahren haben. Sie zeigen, wie Gestalt und Szene in Bewegung kommen, Miene und Gebärde sich lösen, der Ausdruck individueller, das ganze Wesen menschlicher werden – und so fort; ich brauche Ihre Analysen ja nicht zu wiederholen. Sie sind belehrend und überzeugend; dennoch habe ich einen Einwand. Mir scheint nämlich, daß es sich in dem „Wandel“, von welchem die Rede ist, nicht um einfache Verschiebungen und Veränderungen auf gleicher Ebene handelt. Ich glaube in dem, was „heiliges Bild“ heißt, verschiedene Strukturen oder Phänomene zu erkennen, die nicht auseinander entstehen, sondern jeweils eigenen Wesens sind. Diese Phänomene möchte ich herausstellen. Und zwar möchte ich das als Theologe und Philosoph tun, denn so fühle ich mich besser zu Hause – habe dazu noch den Vorteil, mir allerlei historische Fehler vorgeben zu dürfen. Ich will nämlich nicht von den einzelnen Erscheinungen der genannten Phänomene ausgehen, sondern von ihnen selbst und unmittelbar. Dazu wähle ich die Methode der größten Unterschiede. Diese Methode ist wahrscheinlich sehr unhistorisch, wenn mir auch scheint, die Historie täte manchmal ganz gut, sie zu brauchen, weil sie dann manche Dinge viel besser und richtiger in den Blick bekommen würde. Statt dessen pflegt sie sich meistens auf das gegensätzliche Moment in der Wirklichkeit zu stützen: daß sich nämlich das Leben in beständiger Veränderung weiterbewegt, | ||
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