Romano Guardini Online Konkordanz
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Vom Sinn des Gehorchens
[1920]

Im Oktober 1913 fanden sich auf dem Hohen Meißner bei Kassel dreizehn Vereinigungen verschiedener Art (Deutsche akademische Freischar, Vortrupp, Bund deutscher Wanderer, zwei Wandervogelbünde u.a.) zum ersten freideutschen Jugendtag zusammen. Was sie als einend empfanden, gewann seinen damals möglichen Ausdruck in der bereits geschichtlich gewordenen »Formel vom Hohen Meißner«: »Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten ...«
Diese Sätze sind nicht aus klügelndem Denken, sondern aus ursprünglichem Erleben herausgewachsen. Sie stellen uns eindringlich vor die Frage, was der Sinn des Gehorchens sei.
Wirklich, es waren keine bloßen Begriffe! Es war Leben. Voll aufrufender Gewalt sind die Sätze.
Kraft steigt in ihnen empor, sammelt sich und wendet sich entschlossen zum Angriff. Jugend bricht durch und schafft sich Bahn für ihr eigenes Wesen.
Versenkt sich aber der Geist in sie, sucht Schicht um Schicht zu durchdringen, bis in ihr Innerstes, dann stutzt er. An die Pforte zu schrankenloser Weite dachte er zu kommen und gerät in unentrinnbare Enge.
Es ist wirklich so. Sie versagen im Entscheidenden. Was wollen diese Sätze? Freiheit.
Aber sie führen nur in deren Vorhof. Über die Schwelle führt erst, was sie ablehnen, der Gehorsam.
Laßt uns also prüfen. Wir wollen nicht wider die freideutsche Gesinnung streiten, sondern uns über die Frage klar zu werden suchen, die hier gestellt ist. Und sprechen wir dann in aller Offenheit aus, was wir erkannt haben, so leisten wir auch den Fahrtgenossen drüben den besten Dienst. *l

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